Skip to main content

Full text of "Wo wir stehen (G-W-G')"

See other formats


G-W-G 
Wo wir stehen 





Vollbeschäftigung als Ziel ist nicht die Lösung, sondern die Ursache von Existenz- 
ängsten und Kriegen. Wenn auch jeder Mensch mit den höchsten moralischen Ab- 
sichten handelt, wird innerhalb einer Marktwirtschaft die Natur trotzdem zwangs- 
läufig über ihre Grenzen hinweg zerstört und die Ausbeutung von Menschen über 
den Menschen nimmt weiter zu. Aus solchen Erkenntnissen heraus entstand vor 
über 150 Jahren eine Bewegung, die alles in Frage stellt, was wir heute als vernünf- 
tig wahrnehmen. Sie behaupten dabei, es wäre die sehr besondere Form, wie wir 
heute produzieren, aus welcher diese Trugschlüsse entstehen und welche fatale 
Auswirkungen mit sich bringt. 


Ich bin auf sie gestoßen, nachdem ich mir selbst nicht erklären konnte, warum mei- 
ne Arbeitsstunden nie weniger werden, obwohl es in sämtlichen Betrieben und 
Agenturen immer schnellere Maschinen und effizientere Programme gibt. Nicht nur 
machen sie das klar begreifbar, sondern zeigen auch, dass das Internet heute erst- 
mals einen Ausweg daraus möglich macht. Dieser Ausweg war für mich bis dahin - 
im wahrsten Sinne des Wortes - noch nicht einmal denkbar und hat nichts mit dem 
zu tun, was wir aus der bisherigen Geschichte kennen. 


In den beiden Broschüren will ich ihre Wissenschaft und Ziele in möglichst ver- 
ständlichen Worten offen legen. Im ersten Teil wird dafür das gemeinsame Skelett 
der marktwirtschaftlichen Nationen beschrieben, wobei sich deren Äußeres durch 
die jeweilige Geschichte stark voneinander unterscheiden kann. Der zweite Teil be- 
schreibt dagegen eine historische Bewegung und eine erst seit kurzer Zeit mögliche 
Handlungsweise, welche ihrer Auffassung nach eine sehr viel lebendigere und freie- 
re Gesellschaft hervorbringen könnte. 


So unvorstellbar für einen Bauern im europäischen Mittelalter eine Welt ohne Gott, 
Sünde und Fegefeuer war, so unvorstellbar ist für uns heute ein Umbruch, wie die 
Mitglieder dieser Bewegung ihn anstreben. Und wie die Welt dieses Bauern auf der 
Herrschaft von Personen und der Demut vor Gott aufgebaut hat, hat unsere heutige 
Form des Wirtschaftens - und damit zu großen Teilen die Struktur unseres Lebens 
und des Denkens - einen einzigen Ursprung: Den Tausch und die damit einherge- 
hende Vernunft. 


Tausch von 


Bedeutung der 
Produktionsmittel 


Marktprinzip 


persönliche Abhängigkeit 


Arbeitszeit 


Kapitel 1: Die Sache mit dem Markt 


Ihre Wissenschaft beginnt mit einer Analyse der Marktgesellschaft. Marktgesell- 
schaft heißt, jeder Bürger und jede Bürgerin ist selbst verantwortlich für den 
eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Sie machen das, indem sie Sachen produzie- 
ren bzw. Dienstleistungen anbieten und diese gegen Geld tauschen, um damit 
wiederum an die Lebensmittel zu kommen, die sie selbst benötigen: Nahrung, 
Kleidung, Technik, Urlaub, usw. Ob dieser Austausch dann am Wochenmarkt, im 
Friseursalon oder auf der Seite eines globalen Internetversandhandels ge- 
schieht, spielt hierbei keine Rolle. 


Der Markt als gesellschaftlich bestimmende Form, wie Menschen ihre gemeinsa- 
men Lebensbedingungen herstellen, ist historisch betrachtet noch relativ jung. 
Damit der Markt sich entfalten konnte, brauchte es zuallererst rechtlich 
gleichgestellte Menschen, was in den letzten Jahrtausenden keineswegs selbst- 
verständlich war. In vielen altertümlichen Gesellschaften, und zu großen Teilen 
wieder in der Kolonialzeit, bestand ein großer Teil der Produzierenden aus Skla- 
ven. Sklaven sind Menschen, die dem unbelebten Werkzeug gleichgestellt sind 
und kein Recht auf die von ihnen erarbeiteten Produkte haben. Während des 
europäischen Mittelalters produzierten dann zwar Bauern, welche den weit 
größten Teil der Bevölkerung stellten, eigenständig ihre Lebensmittel, waren 
aber immer noch ihren Gutsherren untergeordnet. Sie mussten fast alles abge - 
ben, was über den eigenen Bedarf hinaus ging oder - es gab eine Vielzahl von 
Variationen - mussten etwa wöchentlich Arbeitstage auf deren Felder ableisten. 


Heute sind wir als Bürger rechtlich frei, aber da wir nicht alles selbst herstellen 
können, was wir zum Leben benötigen, sind wir gezwungen zu tauschen. Was 
auch immer aber am Markt angeboten und getauscht wird, ist menschliche Ar- 
beitszeit. Einmal als fertiges Produkt, einmal als Arbeitsmittel oder Halbfabrikat 
und ein anderes Mal als Dienstleistung. Die Tischlerin kauft sich Holz, das je- 
mand anderes innerhalb einer halben Stunde zu Brettern verarbeitet hat und 
verkauft schließlich einen Tisch, an dem sie zehn Stunden arbeiten musste. Die 
Architektin hat zwei Stunden lang Grundrisse erstellt und tauscht am Abend den 
Wert dieser Zeit gegen die Arbeit einer Köchin. 


Wenn ich am Markt etwas kaufe, möchte ich dabei eine möglichst hohe Qualität 
zu einem möglichst niedrigen Preis. Habe ich die Auswahl zwischen zwei gleich- 
wertigen Produkten, ist das eine aber deutlich teurer als das andere, greife ich 
zu dem billigeren. Andersherum betrachtet, muss ich als Verkäufer meine eige- 
nen Produkte also mit höherer Qualität oder zu einem niedrigeren Preis anbie- 
ten, um so gegen meine Konkurrenz zu bestehen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis 
muss stimmen. Durch die angewendeten Produktionsmittel wird die Situation al- 
lerdings komplizierter: Produktionsmittel sind sowohl Werkzeuge aller Art von 
Maschinen über Programme bis Gebäude und Fahrzeuge, wie auch alles was be- 
arbeitet wird, von Rohstoffen über eingekaufte Halb- bzw. Stufenfabrikate bis zu 
Strom und Wasser. Produktionsmittel sind somit alles, was für eine Produktion 
an unbelebten Dingen benötigt wird und am Markt zählt dabei, wie fortschritt- 


Produktionsmittel 


Gesellschaftlich 


notwendige Arbeitszeit 


Die sachliche 


und Konkurrenz 


Herrschaft 


lich ein Produktionsmittel ist. Eine 3D-Entwicklerin kann also mit einer moder- 
nen Grafikkarte wesentlich schneller arbeiten, als eine Entwicklerin mit einer PC- 
Ausstattung von vor 10 Jahren. Eine junge Tischlerin im Besitz einer Bandsäge 
produziert natürlich wesentlich mehr als ein alter Tischler, der immer noch mit 
einer Handsäge am werkeln ist. 


Angenommen beide Tischler wären Selbstständige, ihre Produkte von gleicher 
Qualität und die Lebenserhaltungskosten der beiden Hersteller, also Mietkosten, 
Lebensmittel, Technik, usw., wären gleich hoch, angenommen 600€ wöchentlich. 
Während aber die junge Produzentin mit ihren modernen Werkzeugen drei Ti- 
sche in der Woche zusammenbaut, schafft ihr älterer Konkurrent nur einen ein- 
zigen. Sehen wir von den zusätzlichen Rohstoff- und Betriebskosten ab, kann die 
junge Tischlerin um ihr Leben zu finanzieren die drei Tische für je 200€ verkau- 
fen, während der ältere auf die 600€ für einen Tisch bestehen muss. Am Markt 
wird sich der Alte nicht lange halten können. 


Die verwendeten Produktionsmittel spielen also stark in den Verkaufswert mei- 
ner Produkte hinein. Aber auch wenn zwei Produzenten mit denselben Werkzeu- 
gen tätig sind, kommt es zusätzlich auf die Intensität ihrer Arbeit an. Arbeitet ei- 
ner doppelt so schnell oder doppelt so lange wie der andere, und sehen wir wie- 
der von zusätzlichen Rohstoff- und Betriebskosten ab, kann er seine Ware für 
den halben Preis verkaufen. Will ein Tischler sich privat einen Wohnzimmertisch 
bauen, kann er sich dafür so viel Zeit nehmen, wie er möchte und gerne auch 
sein altes Lehrlingswerkzeug verwenden. Da er aber die Tische nicht für sich 
selbst macht, sondern zum Verkauf, also für andere, muss er nicht nur mit den 
Produktionsmitteln und seiner Arbeitsintensität auf den Stand seiner Konkur- 
renz sein, sondern auch versuchen, in dieser sehr arbeitsteiligen Gesellschaft 
noch unbefriedigte Bedürfnisse zu finden, die er mit seiner Arbeit ansprechen 
kann. Am Markt bin ich also nicht nur durch meinen Verbrauch von den anderen 
abhängig - ich kann nicht alles selbst herstellen, was ich zum Leben brauche - 
sondern muss auch meine Produktion der Gesellschaft anpassen. Ich stehe nie 
für mich alleine. 


Meine Handlungen am Markt sind daher nur der Form her frei. Da ich von dem 
Geld der anderen abhängig bin, muss ich meine Produktionsweise, meine ver- 
fügbare Zeit und die Art meines Produktes dem Markt - das heißt also: den Pro- 
duktionen der anderen Gesellschaftsteilnehmern - unterordnen. Wenn auch 
keine anderen Menschen direkt über mich und meine Produktion oder Dienst- 
leistung bestimmen, so muss ich mich doch einer Struktur unterordnen, die al- 
lerdings unabhängig von sowohl meinem als auch dem Willen der anderen ist. 
Durch die Art, wie wir produzieren, schaffen wir uns somit gegenseitig einen 
Rahmen, in welchen wir unser Leben einpassen müssen. 


Einfache 
Wertform 


Doppelchar- 
akter der Ware 


Die Ware 


Kapitel 2: Alles hat seinen Preis 


Was am Markt gekauft oder verkauft wird, sind immer Waren. Eine Ware ist dabei 
immer etwas Doppeltes: Sie hat einen Nutzen und einen Tauschwert, tauscht 
sich also gegen Geld. Wir gehen hier auch immer von Waren aus, die keine Ein- 
zelstücke (Kunstwerke, Erbstücke, etc.) sind und daher von unterschiedlichen 
Personen hergestellt werden können, wenn diese nur über die nötigen Fähigkei - 
ten und Produktionsmittel verfügen. Wir gehen auch davon aus, dass es von je- 
dem Produkt verschiedene Anbieter in meiner Reichweite gibt, ganz egal, ob es 
dann Lebensmittel in meiner Nachbarschaft oder Rohstoffe aus aller Welt sind, 
sich also auf kürzere oder längere Zeit eine Person findet, die zu einer anderen 
in Konkurrenz geht, wenn diese eine einfache Möglichkeit gefunden hat, durch 
wenig Arbeit an viel Geld zu kommen. 


Am Markt erscheint Geld dabei als nützliche Erfindung, ist aber sogar unum- 
gänglich als gemeinsamer Bezugspunkt. Nehmen wir an, ich braue Bier, möchte 
es am Markt gegen nützliche Dinge für mein Leben tauschen, Geld allerdings gibt 
es nicht. Gehe ich mit dem Bier aus meiner Produktion zu einer Bäckerin, um es 
gegen Brötchen zu tauschen, hat es für mich nur den Zweck sich zu tauschen. Für 
die Bäckerin hat das Bier einen ganz anderen Zweck: betrunken zu werden. An- 
genommen also, am Tresen der Bäckerin stehen jetzt morgens um acht Uhr zwei 
Flaschen Bier und daneben liegen zehn Kaiserbrötchen. Wir sind uns über das 
Tauschverhältnis einig. Ich selbst, der jetzt gerne frühstücken würde, interes- 
siere mich hier nicht für den Gebrauchswert des Bieres, sondern nur für den der 
Brötchen. Sie, die abends mit ihrer Partnerin zusammen trinken möchte, interes- 
siert sich dagegen nur für den Gebrauchswert des Bieres. Sie denkt sich, „zehn 
Kaiserbrötchen sind zwei Flaschen Bier wert“ und ich denke mir, „zwei Flaschen 
Bier sind zehn Kaiserbrötchen wert“. 


x Ware A (2 FlaschenBier) = y Ware B (10 Kaiserbrötchen) 


Auch wenn es verrückt klingt, liegt in diesem Gedanken der Schlüssel zum Ver- 
ständnis unserer heutigen Gesellschaft: Die eine Ware misst ihren Tauschwert an 
der Nützlichkeit der anderen. Der Tauschwert einer Flasche Bier kann sich nicht 
an sich selbst messen, er braucht ein Gegenüber und das sind hier die Brötchen. 
Während das Bier so aus meiner Perspektive Tauschwert ist, ist es in der Per- 
spektive der Bäckerin Gebrauchswert. Während die Brötchen aus meiner Per- 
spektive Gebrauchswert sind, sind sie aus Perspektive der Bäckerin Tauschwert. 
Die Ware selbst ist somit etwas Doppeltes, aber nie gleichzeitig. Sie ändert ihren 
Charakter je nachdem, wer sich darauf wie bezieht. Die Ursache, dass dieser 
Wertcharakter überhaupt entsteht, findet sich darin, dass wir unabhängig von- 
einander produziert haben, unsere Produkte jeweils unser Privateigentum sind, 
wir aber die Produkte der anderen für unser Leben benötigen - im allgemeinen 
Sinn. Das heißt: Hätten wir einen gemeinsamen Betrieb der Brötchen und Bier 
herstellt, dann müssten wir beides nicht gegeneinander tauschen und damit 
hätten die Produkte für uns auch nicht diesen Doppelcharakter. Wir würden sie 


4 


das allgemeine 


Äquivalent 


entfaltete Wertform 


auf eine bestimmte Weise unter uns verteilen und uns dabei nur auf den Ge- 
brauchswert der Dinge beziehen, das Bier also trinken und die Brötchen essen. 
Sobald wir aber ein drittes Produkt brauchen, das von jemand anderem unab- 
hängig produziert wurde und an das wir nur über Tausch herankommen, tritt der 
Wertcharakter von Bier und Brötchen wieder auf. Dieser Wertcharakter bedeutet, 
dass jeder Mensch auf sich selbst gestellt ist und gegen seine Mitmenschen be- 
stehen muss. Und aus diesem Tauschwert entwachsen unsere Arbeits- und Le- 
bensstrukturen, um ihn geht es in den Aktienmärkten und Drogenkriegen, auf 
ihn gründen unsere politischen Debatten und Institutionen. Er ist das, worauf 
sich unsere heutige Gesellschaft gründet. 


Auf meiner morgendlichen Einkaufstour muss ich also mit jedem einzelnen Pro- 
duzenten ein neues Mengenverhältnis aushandeln. Jedes einzelne Mal muss ich, 
genauso wie meine Tauschpartner, im Kopf behalten, wie viel ich diese Woche 
produziert habe und wie viel meiner Arbeitszeit mir das Produkt des Gegenübers 
wert ist. In meiner Rolle als Bierbrauer muss ich außerdem darauf hoffen, es mit 
einer Gesellschaft von Trinkern zu tun zu haben. Komme ich dann endlich zum 
Frühstück nach hause und würde mich meine Freundin fragen, wie der Einkauf 
gelaufen ist, könnte meine Antwort folgendermaßen aussehen: 


2FlaschenBier = 10Kaiserbrötchen 
2FlaschenBier 1Glas Marmelade 
2FlaschenBier = 400 gButter 


Es ist absurd: Jeder Marktteilnehmer müsste ein neues Mengenverhältnis mit je- 
der anderen Person aushandeln und dabei immer im Kopf behalten, wie das Be- 
dürfnis nach der jeweils anderen Ware im Vergleich zur geleisteten Arbeitszeit 
des eigenen Produktes ist. Bei jeder bekannten Marktgesellschaft hat sich daher 
eine einzelne Ware herausgestellt, auf welche sich alle anderen beziehen. Ange- 
nommen, diese Ware wäre ein 12-jähriger schottischer Whisky: 


2 Flaschen Bier = 
10Kaiserbrötchen = 
1Glas Marmelade = 
400 g Butter = 


30 ml 12- jähriger schottischer Whisky 


Indem sich alle Waren auf den 12-jährigen schottischen Whisky beziehen, wer- 
den sie miteinander vergleichbar. Wenn zwei Bier 30ml davon wert sind und die 
400g Butter ebenso, dann ist der Tausch von beiden fair. Wenn zwanzig Kaiser- 
brötchen 60ml des 12-jährigen schottischen Whiskys wert sind, dann kann ich sie 
verlustfrei gegen 2 Gläser Marmelade tauschen. Ich stehe also morgens um acht 
nicht mit einem Kasten Bier bei meiner Bäckerin, sondern mit einer Flasche 12- 
jahrigen schottischen Whisky. Was sich aber geändert hat ist, dass die Bäckerin 
nicht mehr darüber nachdenken muss, wie ihr Bedürfnis danach ist. Der Ge- 
brauchswert des Whiskys interessiert niemanden. Sein Geschmack oder seine 


5 


Gespenstische 


Gegenständlichkeit 


Wert und Religion 


Wirkung sind nichts Besonderes. Besonders ist nur seine gesellschaftliche Funk- 
tion, nämlich allgemeiner Bezugspunkt für alle Waren am Markt zu sein. Meine 
Arbeit als Brauer und ihre Arbeit als Bäckerin wird in Form einer Sache einander 
gleich gestellt, also in Form einer bestimmten Menge von 12-jährigen schotti- 
schen Whisky. Jede private Arbeit wird, sobald ein anderer sie gegen eine be- 
stimmte Menge 12-jährigen schottischen Whisky tauscht, zu einer allgemeinen 
gesellschaftlichen Arbeit. In dem Beispiel würde ich also eine bestimmte Menge 
davon in einen Messbecher füllen und sie der Bäckerin über den Tresen reichen. 
Historisch wurden dagegen oft Gold und andere Edelmetalle abgewogen, deren 
spezielle Warenart schließlich mit ihrer Funktion, gesellschaftlicher Bezugspunkt 
zu sein, verwächst. Selbst als der Goldstandard noch galt, war Gold nichts weiter 
als gewöhnliches Metall, scheint aber bis heute noch besonders „wertvoll“ zu 
sein. Aber der allgemeine Bezugspunkt muss dabei noch nicht einmal gegen- 
ständlich sein: Während sich der 12-jährige schottische Whisky noch theoretisch 
trinken ließe, hat das heutige Geld, der allgemeine Bezugspunkt unserer Arbeit, 
keinerlei Gebrauchswert mehr und existiert nur in symbolischer Form als digi- 
tale Ziffern auf Onlinekonten, gedruckt auf Scheine und geprägt auf Münzen. 


In einer Marktgesellschaft ist dieses Bewusstsein, dass jedes Ding einen Geld- 
wert hat, automatisch und notwendig. Es ist eine Tauschgesellschaft. Das Geld 
war dabei historisch einst Ware, hat seinen Gebrauchswert abgestreift und ist 
zum allgemeinen Bezugspunkt geworden. Da so gut wie alles heute unter seiner 
Verwendung verkauft oder gekauft werden kann, scheint jedes Ding im Alltag 
nicht nur einen Nutzen, sondern außerdem einen Geldwert zu haben - auf dem 
Tisch lässt sich essen und er ist 200€ wert -, ganz so, als wäre der Wert eine Na- 
tureigenschaft der Dinge: „Alles hat seinen Wert.“ So wie Bier golden, flüssig und 
alkoholhaltig ist, kostet es auch eine bestimmte Menge Geld. Wenn ich mich 
frage, wie viele Flaschen Bier ein neuer Mercedes wohl wert ist, kann ich das 
nicht denken, ohne den Umweg über Geld zu gehen. Ich denke mir erst den 
Geldwert des Autos, dann teile ich ihn durch den Geldwert einer Flasche Bier. 
Aber egal in welches Labor ich es schicken werde, isoliert betrachtet wird kein 
Wissenschaftler dieser Welt auch nur das geringste Wertatom im Bier finden. Der 
Wert ist eine gesellschaftliche Eigenschaft, wie sie auch die heiligen Reliquien, 
Artefakte und Bücher der religiösen Welt haben: Obwohl sie nie mehr sind als 
Tonfiguren, Holzschnitzereien oder Tinte auf Papier, werden ihnen magische Fä- 
higkeiten zugesprochen oder sollen sie gar von Gott selbst auf die Erde ge- 
schickt worden seien. Diese magischen Eigenschaften werden durch Geschichten 
erhalten, welche sich die Gläubigen ein Leben lang erzählen müssen. Die Wertei- 
genschaft dagegen ist das notwendige Ergebnis einer arbeitsteiligen Gesell- 
schaft von unabhängigen Produzenten, die von den Produkten der anderen ab- 
hängig sind und nur über den Markt, also durch Kauf und Verkauf, ihre Bedürf- 
nisse befriedigen können. 


Um diese spezielle Erscheinungsform zu verdeutlichen: Angenommen, eine ihr 
Handwerk beherrschende Schauspielerin schafft es, während der Aufnahme ihre 
Kollegin nicht als Schauspielerin wahrzunehmen, sondern als wirkliche Figur der 
Geschichte. Die Filmklappe fällt und plötzlich erscheint ihr dieser Mensch, mit 


6 


Fetisch 
und Krise 


Warenfetisch 


dem sie eben noch freundschaftlich Kaffee getrunken hat, als ihre alkoholkranke 
Mutter, als Mörderin ihres Partners, als iranische Doppelagentin oder als was 
auch immer das Drehbuch von ihr verlangt. Die Hülle bleibt dieselbe, aber ihre 
Bedeutung verändert sich. Auf dieselbe Weise sieht ein Mensch, dessen Leben 
vom Markt bestimmt und der damit von Geld und Tausch abhängig ist, die Dinge 
aus den Augen dieser bestimmten gesellschaftlichen Vermittlungsform. Die ei- 
nen umgebenden Sachen - Laptop, Schreibtisch, Stuhl in etwa - sind in unserem 
persönlichen Leben Gebrauchsgegenstände, die wir in irgendeiner Weise gerade 
verwenden oder nicht verwenden. Bin ich aber prinzipiell bereit die Dinge abzu - 
geben und tritt mir ein anderer Mensch gegenüber - Freunde und Verwandte 
ausgeschlossen -, der ebenfalls ein Interesse an ihrem Gebrauch hat, dann neh- 
men die Dinge für mich die Wertform an und ich überlege, was ich dafür verlan- 
gen kann. Wie bei der Schauspielerin und ihrer Kollegin ändert sich das Wesen 
des Dinges, wenn die Hülle auch dieselbe bleibt. 


Diese Werteigenschaft tritt nur hervor, weil wir beide uns auf die uns umgeben - 
den Dinge als Waren beziehen und das in einer Marktgesellschaft aus unabhän- 
gigen Produzierenden auch machen müssen. Da ich von Geld abhängig bin und 
als Produzent auch in Konkurrenz zu anderen stehe, ist die Höhe des Wertes für 
mich bedeutend. Die Beziehung zwischen uns - ich, der etwas hat; er, der es will; 
ich, der Geld braucht - ist eine Beziehung von Sachen, die wir im gesellschaftli - 
chen Durchschnitt zu ihrem Wert tauschen. Der Wert als gesellschaftliche Eigen- 
schaft ist in einer Marktgesellschaft automatisch und notwendig und da sich alle 
anderen Personen, von meiner Vermieterin bis zur Dame vom Imbissstand, auf 
Geld beziehen, muss ich es wie selbstverständlich auch machen. Aus dieser 
Selbstverständlichkeit heraus kann allerdings der Irrglaube entstehen, es könnte 
keine Gesellschaft geben, in der sich ihre Teilnehmer nicht der Logik des Tau- 
sches fügen müssten. Das Gefühl der Normalität, das Tausch und Geld heute an- 
hängt, versteckt die einfache Tatsache, dass wir in einer sehr besonderen Form 
der Gesellschaft leben; der Gesellschaft unabhängig Produzierender, die vonein- 
ander abhängig sind. 


Die Krise als Beispiel um zu zeigen, wie diese abstrakte Werteigenschaft für uns 
diese ungeheuerliche Wichtigkeit bekommen hat: Eine vor-kapitalistische Krise 
konnte etwa eine Hungersnot sein, weil es den ganzen Sommer nicht geregnet 
hat und es schlicht nichts zu essen gab. In einer kapitalistischen Krise herrscht 
kein Mangel und nichts passiert mit all den Dingen, die wir anfassen können. 
Beim Eintritt einer Krise bleiben die Regale voll, die Menschen sind weiterhin 
qualifiziert in ihren Berufen und die Maschinen sind voll funktionstüchtig. Trotz- 
dem steht die Welt plötzlich Kopf. Menschen verlieren ihre Arbeit, haben Angst 
um ihre Zukunft, Staaten privatisieren, was noch öffentliches Eigentum ist, Hun- 
gersnöte treten wieder auf und niemand weiß so richtig, was denn eigentlich 
passiert ist. Fällt dann etwa ein Stromkraftwerk aus oder muss ein Krankenhaus 
schließen, dann ist das die Folge der Krise, es ist nicht ihre Ursache. Die Ursache 
findet sich in einer fiktiven Welt des Wertes, die „über unseren Köpfen“ zu sein 
scheint, wie es früher eine Schlacht im griechischen Götterhimmel war. Wir la- 
chen über die Verrücktheit alter Religionen, unterliegen aber selbst abstrakten 


7 


Verein freier Menschen 


Kapital 


Handelskapital 


Wertbewegungen und meinen, dass sie von ewiger und unaufhaltsamer Bedeu- 
tung sind. Aber: Gesellschaftsformen sind denkbar, die nicht den Geldbewegun- 
gen unterliegen. 


Das Geld ist die Kluft zwischen den unabhängig Produzierenden, zwischen dem 
Bierbrauer und der Bäckerin. Stellen wir uns eine Frau vor, die auf einer einsa- 
men Insel strandet und sich dort eine Existenz aufbauen muss. Jede ihrer pro- 
duktiven Tätigkeiten wird das Ziel haben, nützliche Gebrauchsgegenstände wie 
Lebensmittel oder Werkzeuge hervorzubringen und in keinem Moment bezieht 
sie sich auf diese Dinge als Werte. Dass eines ihrer Werkzeuge weniger Wert ist, 
weil anderswo ein besseres Werkzeug für denselben Zweck existiert, wird für sie 
ein absurder Gedanke sein, da sich am Werkzeug selbst ja nichts verändert. Den- 
ken wir statt einer einzelnen Frau eine Gruppe Menschen, die es schafft, ihre Ta- 
tigkeiten untereinander aufzuteilen, gemeinsam zu produzieren und die Arbeits- 
produkte zu verteilen. Auch hier tritt der Wertcharakter nicht auf. Die Produkte, 
welche für die Frau Gebrauchsgegenstände nur für sie selbst waren, sind hier ge- 
sellschaftliche Gebrauchsgegenstände. Wenn sich eine Organisationsform findet, 
wie Tätigkeiten und Verteilung transparent geregelt werden, dann würde die Be- 
ziehung zwischen Menschen, ihren Arbeiten und Arbeitsprodukten keine abs- 
trakte Welt hervorbringen, die sich scheinbar unabhängig von ihnen abspielt 
und der sie meinen unterworfen zu sein. Gäbe es eine Hungersnot, dann würden 
mehr Menschen in der Nahrungsindustrie mit anpacken und andere diese Pro- 
dukte an die richtigen Stellen bringen. Es ist diese Einfachheit, die heute nicht 
gegeben ist. Sobald diese Form aber gefunden wurde und sich in der Gesell- 
schaft etabliert hat, wird der Wertcharakter der Dinge und die dahinter stehende 
Logik verschwinden. 


Kapitel 3: Was vernünftig ist 


Da sich am Markt alles auf diesen ungreifbaren Geldwert bezieht, ist es ein gro- 
ßer Vorteil, möglichst viel davon zu besitzen. Im Gegensatz zum Beispiel zu Fern- 
sehern, von denen man vielleicht vier oder fünf besitzen kann, bis es dann doch 
irgendwann lächerlich wird, ist Geld grenzenlos wie Gott und das Universum. Die 
zeitliche Bewegung von Geld zu mehr Geld wird dabei als Kapital bezeichnet. Wie 
aber kann ich nur mithilfe von Geld zu mehr Geld kommen, wenn doch jeder am 
Markt, mit dem ich tauschen kann, auch nur seinen eigenen Vorteil sucht? 


Zum Ersten kann ich billig bei A kaufen und bei B teurer verkaufen. Einfach und 
effektiv. Für mich funktioniert es allerdings nur so lange, bis andere Marktteil- 
nehmer meinen Handelsweg durchschauen und selbst bei A billig kaufen und es 
B etwas billiger als ich anbieten. Die Konkurrenz am Markt gleicht die Differenz 
zwischen beiden zunehmend aus, bis es am Ende idealerweise doch nur wieder 
der gleiche Wert des einen Produktes sich zu gleichem Wert des nächsten 
tauscht. 


Ich suche also nach einer Möglichkeit, dauerhaft Geld in mehr Geld zu verwan- 
deln, ohne die Regel des Marktes zu verletzen, dass sich ein Ding mit bestimm- 
ten Geldwert dauerhaft auch nur gegen diesen tauschen lässt. Gehe ich noch 
einmal das bisher Gesagte durch, finde ich zwei Besonderheiten am Markt, die 
mir den Wunsch erfüllen: 1. Alles am Markt erscheint als Ware, hat also einen Ge- 
brauchs- und einen Tauschwert. 2. Der Wert einer Ware, eine zahlungskräftige 
Nachfrage vorausgesetzt, ist bestimmt durch die gesellschaftlich durchschnitt- 
lich zu ihrer Produktion aufgebrachte Arbeitszeit. Was ich also suche, kostet eine 
bestimmte Menge Arbeitszeit - also Geld - und muss dafür selbstständig arbei- 
ten können und zwar für eine längere Zeit, als die Menge Arbeitszeit, die es ge- 
kostet hat. Und das Einzige, das arbeiten kann, ist der Mensch. Und die Ware, die 
ich suche, ist damit die menschliche Fähigkeit zu arbeiten. Kurz: Die Ware Ar- 
beitskraft. Ihr Wert: Die Summe der Lebensmittel (Wohnung, Nahrung, Kleidung, 
etc.), die dieser Mensch im gesellschaftlichen Durchschnitt für sein Leben benö- 
tigt. Ihr Gebrauchswert: Etwas für mich herzustellen, das einen höheren Wert 
hat, als sie selbst mich kostet. 


die Ware 
Arbeitskraft 


Welche Person aber sollte aber für andere produzieren, wenn sie auch selbst- 
ständig arbeiten kann? Ganz einfach diejenigen, welche, wie der alte Tischler, 
nicht über moderne Produktionsmittel verfügen und somit ihre Waren nicht 
marktgerecht herstellen können. Sie verkaufen also die eine Ware, die sie immer 
haben und welche da ist - ihre eigene Arbeitskraft. Da wir uns keine historische 
Entwicklung anschauen wollen, wird nachfolgend einfach voraussetzt, dass es 
diese Gruppe gibt, die keiner persönlichen Herrschaft untersteht und die ihre 
Arbeitskraft am Arbeitsmarkt anbietet, um jede Woche 30-, 40- oder 50- Stunden 
fremdbestimmt arbeiten zu gehen. In anderen Ländern mag das noch mehr sein, 
aber das sei dahingestellt. 


die Lohnabhängigen 


Da dieses Leben einige Nachteile mit sich bringt, die Fremdbestimmtheit zum 
Beispiel, will ich mich aus der Situation der Lohnabhängigkeit erheben bzw. 
mein bereits vorhandenes Vermögen ausbauen. Da ich in eine bestimmte Gesell- 
schaftsform hinein geboren wurde und erst einmal nach den Regeln dieser Ge- 
sellschaft handle, mache ich mir die vorhandenen Verhältnisse zunutze. Ich 
kaufe am Markt Produktionsmittel (Maschinen, Programme, Rohstoffe, etc.) und 
schreibe Stellen für Arbeitskräfte aus, die mit ihnen umgehen können. Die von 
mir eingestellten Lohnarbeiter sollen schließlich mit meinen Produktionsmitteln 
neue Waren produzieren, deren Verkauf am Markt mir wieder ihre eigenen Kos- 
ten und die Kosten der Produktionsmittel einspielt (Geldwert a). Zu diesem 
Punkt habe ich zwar meine Kosten gedeckt, allerdings ist noch nichts für mich 
herausgesprungen. Ich lasse die Lohnarbeiter also noch länger Ware produzieren 
und ab diesem Zeitpunkt geht jeder Verkaufserlös der neu produzierten Waren 
über meine reine Kostendeckung hinaus. Die Waren sind also mehr wert als 
meine Investition. Dieser im Produktionszeitraum (z. B. einem Monat) erzeugte 


der Mehrwert 


Geld- _ > 


Arbeitskraft _ Produktions- __  Waremit mehr_ Geldwerta 
werta Produktionsmittel prozess höheremWert Geld +Mehrwert 


Beispiel: 


Produktionskapital 


Mehrwert 


und Konkurrenz 


Erhöhung des absoluten 


Mehrwerts: Arbeitszeit und Lohn 


das Mehrprodukt 


Mehrwert steht zu meiner alleinigen Verfügung und ist der Grund, warum ich 
überhaupt produzieren lasse. 


Am Beispiel: Ich bin ein mittelständischer Medienunternehmer und produziere 
Fernsehreportagen. Als Produktionsmittel habe ich mir Räume angemietet und 
Kameras, Tonaufnahmegeräte, Server, Arbeitsrechner und Software gekauft. In- 
klusive Abnutzung, Versicherung, etc., verursacht mir das Kosten von 3.000€ mo- 
natlich. In meiner Agentur arbeiten vier Lohnangestellte, welche von der Vorpro- 
duktion bis zum Dreh und der Nachbearbeitung alle Tätigkeiten erfüllen. Sie er- 
halten einen Lohn von je 1.500€, insgesamt also 6.000€. Der gesamte Produkti- 
onsprozess kostet mich so monatlich 9.000€. Nehmen wir vereinfacht an, das 
Team stellt jede Woche eine Reportage fertig, welche für 4.500€ an eine Sende- 
anstalt verkauft wird. Nachdem das Team zwei Wochen gearbeitet hat, sind 
meine investierten Kosten von 9.000€ eingespielt und meine Mitarbeiter haben 
Geld um den Monat zurechtzukommen. Ich selbst habe aber noch nichts davon. 
Als Unternehmer lasse ich also weiter arbeiten und die in den letzten zwei Mo- 
natswochen hergestellten und verkauften Reportagen bilden jetzt meinen Mehr- 
wert in Höhe von ebenfalls 9.000€. 


Wie die Lohnarbeiter nutze ich als Unternehmer einen Teil des entstandenen 
Mehrwerts für meinen privaten Verbrauch. Mit dem übrigen Geld muss ich aber 
anders verfahren als zum Beispiel ein antiker Sklavenhalter oder mittelalterli- 
cher Adeliger: Beide konnten sich aus dem Mehrprodukt - der Teil des erarbeite- 
ten Produktes, welcher über die Lebenserhaltung der Produzenten hinaus geht - 
ein angenehmes Leben gestalten. Je mehr Menschen sich dabei in ihrem Besitz 
befanden und für sie arbeiteten, desto mehr Luxus konnten sie sich im Durch- 
schnitt gönnen. Am Markt dagegen droht die ständige Konkurrenz. 


Angenommen, als Unternehmer hätte ich die höchsten moralischen Absichten, 
könnten wir im gerade angeführten Beispiel noch annehmen, mein Betrieb 
würde mit der Zeit wachsen und der entstehende Gewinn würde zwischen mir 
und meinen Angestellten aufgeteilt werden. Jetzt allerdings kommt eine neue 
Medienunternehmerin in die Stadt. Sie produziert genauso Fernsehreportagen 
wie mein Unternehmen, verkauft sie allerdings für lediglich 4.000€ das Stück, im 
Gegensatz zu meinen 4.500€. Angenommen wieder, das Produkt wäre gleichwer- 
tig zu meinem, würden die Sendeanstalten natürlich der Logik des Marktes nach 
zur billigeren Ware greifen. Welche Möglichkeiten habe ich also, mich selbst am 
Markt zu halten und damit auch Arbeitsplätze zu sichern? 


1. Ich lasse meine angestellten Lohnarbeiter länger arbeiten. Sei es durch Über- 
stunden oder indem ich die Wochenarbeitszeit in den neuen Arbeitsverträgen 
nach oben setze. Ich lasse Raucherpausen und Fahrtzeiten nicht als Arbeitszeit 
gelten. Hätte ich ein klassisches Industrieunternehmen, würde ich die Lohnar- 
beiter nicht mehr am Fabriktor einstempeln lassen, sondern erst, nachdem sie 
sich umgezogen haben, vor der Fertigungshalle. Da ich sie hier auch in Schichten 
arbeiten lassen würde, zeigt sich, worum es mir geht: Meine festen Produktions- 
mittel (Miete, Maschinen, Programme, etc.) kosten mich im Monat immer das 
Gleiche. Wenn ich also länger daran arbeiten lasse, kann ich insgesamt mehr 


10 


Erhöhung des relativen 
Mehrwerts: Arbeitsintensität 


Erhöhung des relativen 


Mehrwerts: Produktionsmittel 


Extra-Mehrwert 


produzieren, während aber nur die Kosten für Lohn und die in das Produkt ein- 
gehenden Rohstoffe und Betriebskosten (z.B. Holz und Strom in der Tischlerei) 
steigen. Da ich so insgesamt mehr Produkte herstellen lasse, bei auf das Stück 
gerechnet weniger Kosten, kann ich sie am Markt billiger verkaufen und trotz- 
dem noch einen hohen Mehrwert herausholen. 


2. Ich lasse meine angestellten Lohnarbeiter aufgeteilter arbeiten. Es hilft mir 
nichts, wenn sie alle die Kamera oder das Tonaufnahmegerät bedienen können 
und gut recherchieren. Es hilft mir nichts, wenn sie alle das Filmmaterial schnei- 
den und Effekte anwenden können. Ein Mensch, der den ganzen Tag nichts als 
Schrifteinblendungen macht, erreicht die vielfache Geschwindigkeit und Quali- 
tät, als Jemand, der nur ab und zu diese Arbeit angeht. Genauso weiß ich, dass 
im Falle eines Schadens an meinen Geräten, mein Versicherungskonzern eine 
Fachabteilung und darin eine Fachperson heranzieht, die den ganzen Tag nichts 
macht, als sich mit genau solchen Fällen zu beschäftigen. Ich brauche keine All- 
rounder im Betrieb, sondern Fachpersonal. Indem jeder Lohnarbeiter eine spezi- 
fische Aufgabe übernimmt, ist der Betrieb nicht länger nur die Summe seiner 
Angestellten, sondern wird zu einem Organismus. Der einzelne Mitarbeiter selbst 
erschafft nichts Vollständiges mehr, sondern liefert nur seinen Teil zur Gesamt- 
arbeit des Unternehmens. Im Prinzip lässt sich sagen: Je spezifischer die Aufgabe 
des Einzelnen bei voller Auslastung, desto effizienter ist die Unternehmung als 
Ganzes. 


3. Ich investiere in effizientere Produktionsmittel. Wenn ein neues Programm die 
Arbeit eines meiner Angestellten um 10% beschleunigt, kostet die Herstellung 
des einzelnen Produktes wieder insgesamt weniger Arbeitsstunden. Würde ich 
die im Monat hergestellte Gesamtmenge an Produkten gleich halten wollen, 
könnte ich durch den Einsatz neuer Technologie die Anzahl meiner Mitarbeiter 
immer weiter herabsetzen und somit Lohnkosten sparen. Eine halbe Wahrheit ist 
somit die Annahme, dass technischer Fortschritt zwar Arbeitsplätze verdrängt, 
dabei aber immer wieder neue entstehen: Als Unternehmer investiere ich in 
Fortschritt entweder um insgesamt mehr oder besser zu produzieren - das heißt 
auch die Konkurrenz mit ihren Angestellten zu verdrängen - oder um Kosten zu 
sparen. Da die Produktionsmittel selbst zusätzliche Kosten sind, will ich die Kos- 
ten für bezahlte Arbeitszeit kürzen. Entweder also spare ich eine bessere be- 
zahlte Stelle ein, indem ich die Arbeit durch eine Maschine (Programm, etc.) er- 
setze, welche von einer schlechter bezahlten Arbeitskraft bedient werden kann 
oder ich spare viele schlecht bezahlte Stellen ein, indem ich deren Arbeit durch 
eine Maschine ersetze, welche von einer einzigen besser bezahlten Fachkraft be- 
dient wird, deren Lohn aber immer noch unter den Gesamtlohnkosten der ge- 
kündigten Arbeitskräfte liegt. 


Als Unternehmer schaffe ich es durch die Anwendung der drei Möglichkeiten zur 
Erhöhung des Mehrwerts, mein einzelnes Produkt günstiger herzustellen und 
kann so meine Konkurrentin unterbieten. Da sie sich nicht vom Markt verdrän- 
gen lassen möchte, wird sie, wie natürlich auch unsere anderen Konkurrenzkol- 
legen, ihren Betrieb ebenfalls entsprechend umstrukturieren. Unabhängig von- 


11 


einander, aber aufgrund der anderen, machen wir unsere Betriebe effizienter, 
um billiger produzieren zu können bei möglichst gleichbleibender Qualität. Neh- 
men wir an, ich kann nach einigen Jahren die Reportagen für 2.250€ das Stück 
produzieren, während meine Konkurrenzkollegen dafür noch mindestens 2.750€ 
verlangen müssen. Ich kann sie jetzt zum selben Preis wie sie verkaufen, mache 
aber pro verkaufter Reportage noch einen Extra-Mehrwert von 500€, mit dem ich 
mein Unternehmen noch weiter ausbauen kann. Ich bin nur dazu in der Lage, 
weil ich eben effizienter produziere als der Durchschnitt der Konkurrenz. Sobald 
diese durch Anpassung der Technik und Unternehmensstruktur an mich ange- 
schlossen haben, produziere ich wieder durchschnittlich und mein Zusatzgewinn 
entfällt. 


Als dann eines Tages ein Konkurrent nicht mehr die nötigen Mittel zur Verfügung 
hatte und seine Insolvenz mir endlich einen Moment der Ruhe verschafft, werde 
ich nostalgisch und blättere ein wenig in meiner alten Buchhaltung herum. Mir 
fällt auf, dass früher der Verkauf einer Reportage 4.500€ eingebracht hat und ich 
heute, nach den ganzen Umstrukturierungen und Produktionsmittelankäufen, 
zwar nur noch den halben Geldwert dafür bekomme, aber doppelt so viel produ- 
ziere. Zwei Reportagen haben heute denselben Wert, wie zuvor eine einzige Re- 
portage. Durch die doppelte Menge ist mein Mehrwert zwar gleich geblieben, 
doch ist es auch immer schwerer für mich geworden, neue Käufer zu finden. Und 
während ich Abends im Büro sitze, dämmert mir ganz langsam, dass viele meiner 
ehemaligen Angestellten jetzt im Arbeitsamt Schlange stehen und die Verbliebe- 
nen, ohne selbst einen Vorteil davon zu haben, unter höherem Druck deutlich 
monotoner arbeiten müssen. Und als ich gerade von meinem Glas Rotwein 
nippe, wird mir für einen kurzen Moment die Bedeutung eines Flugblattes klar, 
das mir ein junger Gewerkschaftler einst in die Hand gedrückt hat: 


„Krise heißt nicht länger Krieg, Krankheit oder Dürre. Während einer Krise 
sind die Regale übervoll, doch wie vor Panzerglas stehen wir Arbeiter 
davor. Ihr ewiger Konkurrenzkampf hat unsere Löhne zu Boden gedrückt 
und ihre Produktion befeuert! Wir haben alles hergestellt, doch um es zu 
kaufen, fehlt uns jetzt das Geld... Weil das so ist, werden sie die Dinge 
vernichten, bevor wir darauf kommen, sie uns zu nehmen. Um ihr jeweils 
eigenes Kapital zu retten, werden sie uns jetzt noch härter anpacken 
lassen und ganz gleich ist es, ob es was anzupacken gibt. Ihre Krise heißt 
Überproduktion. Unsere Krise ist die Abhängigkeit von ihnen“ 


12 


der zusätzliche Wert 


Unterordnung 


Kapitel 4: Wie sich die Vernunft verbreitet 


Ich will hier voranstellen, dass ich es nicht für unbedingt notwendig halte, samtli- 
che Strukturen der unternehmerischen Welt genau zu kennen, um die Möglichkeit 
ihrer Aufhebung zu verstehen. Wer also genug von diesem elendigen Wirtschafts- 
thema hat, darf das Kapitel gerne überspringen und kann ja später wieder darauf 
zurück kommen. Für alle anderen soll kurz gezeigt werden, wie sich der kapitalis- 
tische Prozess immer tiefer in die Gesellschaft eingräbt und diese zunehmend 
nach seinen Regeln organisiert. 


Da ich in meiner gesellschaftlichen Rolle als Unternehmer, bei einer gleichblei- 
benden Zahl an Mitarbeitern, durch die Effizienzsteigerung insgesamt mehr Wa- 
ren produziere, muss ich meinen Markt erweitern, um diese auch wieder in Geld 
verwandeln zu können. Nicht nur ich muss das machen, sondern selbstverständ- 
lich alle meine Konkurrenzkollegen und Unternehmer aus anderen Branchen. 
Ohne den Verkauf unserer Ware können wir schlecht wieder neu einkaufen und 
so den Produktionskreislauf aufrecht erhalten. Aber am Ende des Kreislaufes 
gibt es durch den Mehrwert immer mehr Geld als am Anfang. Woher kommt also 
dieses zusätzliche Geld? Es kann nicht nur von den Lohnabhängigen kommen, 
denn diese können nicht mehr ausgeben, als sie von uns als Lohn gezahlt be- 
kommen. Ist ihr Lohnanteil gesamtgesellschaftlich bei 40% des Gesamtproduk- 
tes, dann können sie auch nur 40% davon wieder kaufen. Es kann nicht durch 
unseren Handel untereinander entstehen: Wir kaufen zwar einander Produkti- 
onsmittel ab, viele Produkte selbst werden auch nur zwischen Unternehmen ge- 
handelt, aber unser Vermögen insgesamt wächst dabei noch nicht. Irgendwo 
muss dieser zusätzliche Geldwert also herkommen. 


Der Weg nach innen: Als Unternehmer muss ich versuchen in Lebensbereiche 
vorzudringen, welche bislang nicht kapitalistisch erschlossen sind. Kapitalistisch 
erschlossen heißt nicht unbedingt, dass sie bislang nicht über Geld vermittelt 
wurden, sondern nur, dass bei der Vermittlung kein Mehrwert entstand. Ich ent- 
decke zum Beispiel, dass es einen privaten Fahrdienst gibt, der Eltern die Arbeit 
abnimmt, die Kinder abends zum Sport zu fahren und danach wieder abzuholen. 
Also investiere ich Geld in kinderfreundliche Autos, stelle vielleicht sogar ar- 
beitslose Pädagogen als Fahrer ein und lasse einen Algorithmus entwickeln, da- 
mit möglichst viele Kinder effizient in einem Auto abends abgeholt und zum 
Sport gefahren werden können. Die Eltern nehmen meine Arbeit dankbar an, 
denn ich kann durch meine Struktur die Dienstleistung billiger anbieten als der 
private Fahrer zuvor und ihnen gleichzeitig durch Standortkontrolle usw. zeigen, 
dass ihre Kinder in guten Händen sind. Ich verdiene durch die Arbeit der Fahrer 
jetzt Geld, sie haben einen sicheren Arbeitsplatz, die Eltern haben mehr Zeit, der 
Staat weniger Arbeitslose und wieder ist ein kleiner Teil des gesellschaftlichen 
Lebens der Struktur des Kapitals untergeordnet. 


13 


Zentralisation 


der erste Opiumkrieg 


Der Weg nach außen: Wenn ich in Konkurrenz zu anderen Unternehmen stehe, 
dann versuche ich deren Kunden für mich zu gewinnen. Ich kann damit meine 
Waren in Geld verwandeln, während aber die Konkurrenz auf ihren Produkten 
sitzenbleibt. Nicht jeder kapitalistische Prozess geht auf; es ist immer eine Spe- 
kulation, zu produzieren und darauf zu hoffen, am Markt würden sich schließlich 
Käufer dafür finden. Für mich entsteht also der zusätzliche Wert durch deren 
misslungene Spekulation und mein Unternehmen wächst. Meinen Mehrwert 
muss ich aber nicht immer nur in meiner eigenen Produktion anlegen: Ich kann 
ihn an der Börse in andere Unternehmen investieren, bei denen ich das Gefühl 
habe, er würde sich dort leichter vermehren. Habe ich genug Geld, kann ich auch 
Unternehmen aufkaufen oder eine Fusion anstreben, um diese in meine Unter- 
nehmensstruktur einzugliedern. Die Verwaltungskosten werden so geringer, die 
Produktion kann effizienter werden und die Konkurrenz ist ein Stück weit aufge- 
hoben, wodurch meine Ware wieder teurer verkauft werden kann. Um einmal 
konkret zu werden: Nach einer Studie der ETH Zürich (2014), welche die Daten- 
bank der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 
(OECD) von 2007 durchgearbeitet hat, gibt es 1318 Konzerne, welche an ihrem 
Umsatz gemessen 80% der Weltwirtschaft organisieren. Jede dieser Firmen hat 
noch Aktienanteile an durchschnittlich 20 weiteren Großkonzernen. Knapp 1300 
Unternehmen also für etwa 6,5 Milliarden Menschen weltweit. Oder etwas an- 
schaulicher: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es etwa 80 mittelgroße Autoherstel- 
ler in Deutschland, nach den 1930er-Jahren noch 30 und heute stehen drei deut- 
sche Konzerne in Konkurrenz mit höchstens 15 relevanten Herstellern weltweit. 
Die ganze Struktur basiert auf den Regeln des Marktes, hat aber mit einer ro- 
mantischen Vorstellung davon nichts mehr zu tun. 


Es ist noch nicht an der Zeit, um über die historische Entwicklung des Kapitals zu 
sprechen, aber eines will ich vorwegnehmen, um zu zeigen, wie das Prinzip der 
Tauschlogik und Konkurrenz sich auch weltgeschichtlich durchgesetzt hat: Im 19. 
Jahrhundert versuchten Adel und Könige ihre Macht zu erhalten, indem sie sich 
auf die Wirtschaft stützten. Während der Kolonialzeit kam es so auch zum Opi- 
umkrieg von England gegen China. Der chinesische Kaiser wollte sein eigenes 
Reich vor ausländischem Einfluss schützen und beschränkte den Import der 
englischen Waren auf das Mindeste, während er aber gleichzeitig chinesische 
Waren ins Ausland verkaufen ließ. Der allgemeine Bezugspunkt im Tausch, die 
Geldware, mit welcher der Wert der Produkte gemessen wurde, war damals Sil- 
ber und das wurde durch die einseitige Handelsbilanz in England zunehmend 
knapp. Das britische Handelsunternehmen „East Indian Company“, in dessen 
Aufsichtsrat Vertreter des Parlamentes saßen, verstärkte so mit Unterstützung 
der Krone die Einfuhr der Droge Opium in das Kaiserreich. Der Kaiser verbat den 
Konsum und deren Einfuhr, England scherte sich nicht darum und ein Abgesand- 
ter des Kaisers ließ daraufhin 1400 Tonnen der Droge beschlagnahmen und ver- 
brennen. Als Antwort schickte England eine Kriegsflotte nach China, setzte die 
Hauptstädte dort in Flammen und verpflichtete den geschlagenen Kaiser seine 
Märkte zu Öffnen und auch das Opium frei verkäuflich zu machen. Die englische 
Produktion konnte so immer mehr Waren im produktiv rückschrittlichen China 
zu Geld machen, Chinas eigener Volkswirtschaft wurde der Boden genommen 


14 


Kredit und Umlaufzeit 


Bankkapital und Zinsfetisch 


und gezwungenermaßen in die globale Marktwirtschaft eingeordnet. Die aber- 
tausenden chinesischen Einwohner, welche nun weiter systematisch von Opium 
abhängig gemacht wurden, sind dabei nur eine Randnotiz in der Ausbreitung des 
globalen Kapitalismus. 


In unserem bereits fortgeschrittenen Kapitalismus kennen wir vermutlich alle 
das Phänomen, dass Geld auf der Bank Zinsen abwirft, die aus dem Nichts zu 
kommen scheinen. Oder eben Kredite abgezahlt werden müssen, welche eben 
auch mit Zinsen belegt sind und dieses zusätzliche Geld auch wieder „aus dem 
Nichts“ kommen muss. Die Ursache dafür findet sich in der Vermittlungsform der 
kapitalistischen Produktion, dass also produziert wird, bevor ein Adressat dafür 
feststeht, dass also Produktion und Verkauf räumlich und zeitlich voneinander 
getrennt sind. Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht die Bedürfnis- 
befriedigung, sondern die Geldvermehrung. Zu Beginn einer Produktion kauft 
der Unternehmer Produktionsmittel am Markt, was damit auch bedeutet, dass 
was er für die Produktion braucht, bereits von anderen produziert worden sein 
muss und für seinen Zugriff bereitliegt. Im Produktionsprozess lässt er schließ - 
lich Arbeitskräfte zu dem Zweck daran arbeiten, dass er aus ihrer Arbeit einen 
Mehrwert herausholen kann. Was die Arbeiter aber produzieren, ist nicht Geld, 
sondern Waren, deren Wert höher als der Wert der eingekauften Produktionsmit- 
tel und der Lohnkosten sein soll. Was der Unternehmer also nach der Produk- 
tion hat, ist nicht Geld, sondern eine Warenmenge, welche sowohl den Wert der 
gekauften Produktionsmittel und Löhne enthält, wie auch seinen Mehrwert. Um 
diesen Mehrwert aber zu realisieren und schließlich neu investieren zu können, 
muss er für die Waren zuerst Käufer finden, sowie eine andere Unternehmerin 
erst einen Käufer gefunden hatte, nachdem er selbst Produktionsmittel für sein 
Unternehmen eingekauft hat. Um Käufer zu finden, werden die Waren also über 
Monate hinweg verschifft oder stehen monatelang im Lager, bis sie endlich ge- 
kauft werden, wenn sie überhaupt verkauft werden. Um allerdings weiter produ - 
zieren zu können und nicht hinter die Konkurrenz zurückzufallen, braucht der 
Unternehmer sofort Geld um Löhne auszuzahlen und neue Produktionsmittel 
anzuschaffen. Er ist also gezwungen, Kredit aufzunehmen. 


Die Bank, über welche die Kredite meist vermittelt werden, hat hier eine Sonder- 
funktion, bleibt aber ein einfaches kapitalistisches Unternehmen. Unternehmer 
legen ihr Geld dort an und verlangen, dass es sich nur vermehrt. Andere Unter- 
nehmer leihen sich Geld, stecken es in ihre Produktion und erhoffen sich in der 
Produktion einen Mehrwert aus den Arbeitern zu holen, der sowohl für sie selbst 
und ihre erneute Investition ausreicht, als auch um die Schulden an die Bank zu- 
rückzuzahlen. Die Bank, welche ebenfalls an ihrer Geldvermehrung interessiert 
ist, muss dafür sorgen, dass die Anleger weniger Geld herausbekommen, als die 
Schuldner zurückzahlen müssen. Die Geldspanne zwischen beiden ist schließlich 
ihr Umsatz. Das zurückzuzahlende Geld selbst aber wird durch die verschuldeten 
Unternehmer innerhalb der wirklichen Produktion wiedergewonnen. Auch wenn 
es für den Anleger scheint, als würde es sich durch den Zins selbst vermehren, 
wird es doch als Mehrwert nur wieder von der Arbeit der Lohnabhängigen in der 
Produktion abgeschlagen. 


15 


Charaktermasken der 


kapitalistischen Produktion 


Krise 


Der zusätzliche Wert, der Mehrwert, welcher am Ende eines Produktionskreislau - 
fes gewonnen ist, entstammt also aus den Krediten anderer Unternehmer und 
Staaten und diese müssen im Verlauf der kapitalistischen Produktion daher im- 
mer weiter anwachsen, auch wenn versucht wird, diese ständig an andere Unter- 
nehmen oder Staaten weiterzureichen. Was damit aber einhergeht, ist eine 
grundlegende Instabilität des kapitalistischen Systems, da genau in dieser zeitli- 
chen und räumlichen Trennung von Produktion und Verkauf die Möglichkeit ei- 
ner Krise entsteht. Da Unternehmer und Investoren dieses „Auseinanderfallen“ 
mit Kredit und dem Handel mit Schuldversprechen auszugleichen versuchen, 
stehen sie somit in einer wachsenden wechselseitiger Abhängigkeit voneinan- 
der. Können also einzelne Kredite nicht mehr bedient werden, wirkt sich das auf 
andere Unternehmer und Investoren aus und kann, wenn etwa der Handel mit 
risikoreichen Schuldscheinen in großem Maßstab notwendig geworden ist, um 
dem Zwang zur Geldvermehrung gerecht zu werden, zu einer Kettenreaktion füh- 
ren und eine Krise auslösen. Einzelne Kredite können dann nicht mehr bedient 
werden, wenn Unternehmen es nicht mehr schaffen, ihr Warenkapital in Geldka- 
pital zu verwandeln und auch hier findet sich die Ursache in der Dynamik zwi- 
schen Unternehmern bzw. Investoren und Lohnabhängigen: Um in der Konkur- 
renz zu bestehen und überhaupt Waren absetzen zu können, müssen die einzel- 
nen Unternehmer ihre Betriebe effizienter machen, was unter anderem Lohnkür- 
zungen bedeutet oder die Investition in Produktionsmittel, welche bei selben Ar- 
beitsaufwand eine größere Warenmasse hervorbringen. Die Warenmasse braucht 
also neue Käufer, während die Lohnabhängigen zunehmend arbeitslos geworden 
sind oder immer niedrigere Löhne bekommen. Sie stehen also vor den Regalen, 
brauchen und wollen die Waren, können sie sich aber nicht mehr leisten. Die 
Waren liegen somit auf den Markt, verfaulen und veralten ohne für den Produk- 
tionsprozess einen Nutzen zu haben, während andere Waren unter dem Wert 
verkauft werden, welcher für die Produktion investiert wurde und der Verkauf 
somit keinerlei Mehrwert erzeugt. Unternehmen gehen bankrott, ziehen durch 
die Verstrickung mit anderen Unternehmen ihre Konkurrenzkollegen mit sich 
herab und nur solche Unternehmen und Konzerne können die Krise überstehen, 
welche den effizienten Einsatz ihrer eingekauften Arbeitskräfte, den Lohnarbei- 
tern, zur relativen Perfektion ihrer Zeit gebracht haben. Krisen entstehen daher 
notwendigerweise immer wieder und die Ursache ist nicht, dass falsch, sondern 
aus Sicht der einzelnen Unternehmer und Investoren immer genau richtig ge- 
wirtschaftet wurde. Mit dieser Verrücktheit können wir die Unternehmerperspek- 
tive nun endlich verlassen. 


Kapitel 5: Hauptsache, der Lohn reicht aus 


Lohnabhängige und Unternehmer bzw. Investoren („Kapitalisten“) sind keine 
zwei verschiedenen Arten von Menschen, die sich etwa seit jeher feindlich ge- 
genüberstehen. Es sind Charaktere, welche die kapitalistische Produktionsweise 
hervorbringt und im Produktionsprozess selbst ziehen sich Menschen, die von 
Grund auf gleich sind, die Maske des einen oder anderen über. Lohnabhängig zu 
sein bedeutet aber, dass es wesentlich erschwert ist, manchmal unmöglich, in 


16 


Normalität der 
Lohnabhängigen 


Selbstfeindschaft 


eine Situation zu kommen, in der von der Geldvermehrung alleine gelebt werden 
kann und somit Lohnarbeit die einzige Möglichkeit ist, sich den Lebensunterhalt 
zu sichern. Eine Lohnabhängige kann in bestimmten Situationen zwar die Maske 
einer Kapitalistin tragen, wenn sie etwa eine Aktie kauft, bleibt aber lohnabhän- 
gig, solange sie nicht von den Erträgen leben kann. Es wäre an der Stelle denk- 
bar, dass Lohnabhängige durch Fleiß und Sparsamkeit sich in eine Situation 
bringen können, in der sie bald nicht mehr von Lohnarbeit abhängig sind. Doch 
zumindest im gesellschaftlichen Durchschnitt ist das Gegenteil der Fall. 


Das Paketboten-Dilemma: Angenommen eine Paketbotin mit mittelmäßigem Ge- 
halt tätigt eine bequeme Internetbestellung. Wie die meisten von uns möchte 
sie dabei als Käuferin Geld sparen und entscheidet sich für einen Anbieter, bei 
dem sie keine Versandkosten zahlen muss. Um diese Dienstleistung anzubieten, 
sucht also das Versandhaus Transportunternehmen, die möglichst billig sind 
und in ihrer Konkurrenz versuchen diese Transportunternehmen sich gegenseitig 
zu unterbieten, indem sie die Auslieferung effizienter gestalten. Der Arbeitstag 
der Paketbotin wird damit genau durchgetaktet und immer häufiger muss sie 
sich rechtfertigen, wenn das GPS-System anzeigt, dass sie zu lange am selben 
Ort steht. Ihr Tag wird gehetzter und jeden freundlichen Plausch mit den Paket- 
empfängern ist sie gezwungen abzulehnen. Erschöpft tätigt sie immer häufiger 
Internetbestellungen, da es nach so einem Arbeitstag weniger anstrengend ist, 
als am Abend noch in die Stadt zu gehen. In ihrer Konkurrenz um die anwach- 
senden Aufträge des Versandhauses fangen die Transportunternehmen an, Tarif- 
verträge zu umgehen, indem sie ihre Mitarbeiter, wie die Paketbotin, in tariflose 
Sub-Unternehmen abschieben. Wenn es am Anfang noch Bequemlichkeit war, ist 
es spätestens jetzt für die Paketbotin zum Zwang geworden immer billiger einzu - 
kaufen, doch wem, außer sich selbst, kann sie schließlich die Schuld an ihren 
immer schlechteren Arbeitsbedingungen geben? 


Bisher haben wir also die Perspektive eines Unternehmers kennengelernt, der 
vernünftig handelt, um am Markt bestehen zu können. Der Unternehmer kommt 
zu Geld, indem er die menschliche Fähigkeit zu arbeiten als Ware kauft und sie in 
seiner Unternehmensstruktur produzieren lässt. Angestellte und Arbeiter zu be- 
schäftigen ist auch etwas ganz Normales. Aber das Besondere an der Normalität 
ist seine Abwesenheit. Für einen Höhlenmenschen mag es nicht besonders ge- 
wesen sein, wenn ein Großteil seiner Sippe im Winter elendig verhungert oder 
erfriert. Für leibeigene Bauern des Mittelalters mag es nicht besonders gewesen 
sein, sich selbst im Besitz eines Gutsherren zu befinden und jeglichen produzier- 
ten Überschuss an dessen Familie abzugeben. Und für Lohnabhängige heute ist 
es nicht besonders, dass sie 30, 40, 50, manchmal 80-Stunden jede Woche arbei- 
ten müssen. Die Lohnabhängigen haben keine Produktionsmittel um marktge- 
recht Ware herstellen zu können, also verkaufen sie ihre Arbeitskraft, die eine 
Ware, die sie immer haben. 


17 


Lebenssituationen 
der Lohnabhängigen 


Sphärenspaltung 


Auch als nicht besonders erscheint es dabei, dass das Leben in zwei grundle- 
gend verschiedene Bereiche gespalten ist: Auf der einen Seite ist da die „Ar- 
beitswelt“; das kann eine Fabrikhalle mit ihren gestaffelten Kommandbohierar- 
chien sein, aber genauso eine Agentur, in welcher der Chef mit den Angestellten 
Kicker spielt, um sie zum Arbeiten zu motivieren. Auf der anderen Seite ist da 
das „Privatleben“, in welchem allerdings die gesellschaftlich notwendigen Tätig- 
keiten noch lange nicht zu Ende sind: Einkauf, Kochen, Kindererziehung, Bei- 
stand leisten, die Wohnung sauber halten und so weiter. All diese Tätigkeiten 
dienen dazu, das Leben und die Gesundheit der Familie sicherzustellen und sind 
damit auch für den Produktionsprozess notwendig, welcher gesunde und ar- 
beitsfähige Menschen benötigt. Und obwohl gesellschaftlich notwendig, lassen 
sich die Tätigkeiten nicht in die Struktur der Geldvermehrung einfügen, werden 
somit nicht mit Lohn bezahlt und erscheinen somit aus Perspektive der kapita- 
listischen Produktion als zweitrangig. Ganz so, als wäre es nicht wesentlich dafür 
zu sorgen, dass es den Menschen, mit denen ich auf die ein oder andere Weise 
zusammen lebe, gut geht und diese das wiederum für mich genauso machen. Als 
wäre das nicht das Wesentliche überhaupt. Doch als Ergebnis dieser Spaltung 
des Lebens in bezahlte Arbeit, welche der Geldvermehrung dient, und nicht-be- 
zahlter Arbeit, welche den Mitmenschen dient, geraten solche Menschen, welche 
sich vorrangig dem Letzteren annehmen, in die Abhängigkeit von solchen Perso- 
nen, die sich der Lohnarbeit oder der kapitalistischen Geldvermehrung ange- 
nommen haben. Und obwohl wir es an sich mit einem System zu tun haben, in 
welchem wir uns alle den Marktbewegungen der Dinge unterordnen müssen 
(bzw. es so scheint, als müssten wir das tun), bleibt damit eine Vielzahl von uns 
weiter der fast mittelalterlichen Willkür von anderen Menschen ausseliefert. 


Und will oder kann ich nicht in dieser Situation der persönlichen Abhängigkeit 
sein, dann muss ich eine Rolle in der kapitalistischen Produktion finden, die mit 
meinen eigenen Pflichten vereinbar ist und für welche ich Anerkennung in Form 
von Geld bekomme. Die Unterschiede in den Lebensumständen einer Ingenieu- 
rin, die bei einem internationalen Konzern angestellt ist, und einer Reinigungs- 
kraft, sind selbstverständlich enorm. Gleich ist ihnen aber, und darum geht es, 
die Abhängigkeit von Lohn und damit Unternehmern. Ich kann also eine Ausbil- 
dung machen, studieren, mich fortbilden oder an Schulungen teilnehmen, in der 
Hoffnung, später meine Arbeitskraft teurer verkaufen zu können. Ich kann mir ei- 
nen bodenständigen Job als Laborassistent, Bankangestellter, Mediengestalter, 
Erzieher, Kaufmann oder Metaller nehmen. Während ich mich bewerbe, stehe ich 
dabei in Konkurrenz zu anderen Lohnabhängigen, welche den Lohn genauso be- 
nötigen wie ich. Als Lohnabhängiger kann ich in wirtschaftlichen Durstzeiten ge- 
zwungen sein, eine Zeitarbeiterstelle anzunehmen, als Scheinselbstständiger zu 
arbeiten oder, in der Hoffnung auf eine Festanstellung, das dritte Volontariat in 
Folge beginnen. Als Arbeitsloser habe ich eine besondere Rolle: Die Unterneh- 
men wollen mich nicht und für den Staat bin ich eine Last. Für die arbeitende 
Bevölkerung bin ich eine ständige Bedrohung, ihren Job für weniger Geld zu ma- 
chen. Da ich, wie sie, laufende Kosten habe und in der Hoffnung auf eine bes- 
sere Zukunft auch schlechte Arbeitsbedingungen annehmen muss, haben sie 
nicht einmal unrecht damit: Besser jemanden verdrängen als eine Lücke im Le- 


18 


Sinnsuche in 
der Lohnarbeit 


Wert der Arbeitskraft 


benslauf. Ist mir die Sicherheit meines Arbeitsplatzes wichtig, kann ich mich 
auch beim Staat als Lehrer, Polizist oder Soldat anmelden. Ich entkomme so 
zwar der kapitalistischen Geldverwertung, bin aber immer noch vom nationalen 
Gesamtkapital abhängig. Die Vielfältigkeit des Lebens in Lohnabhängigkeit geht 
so weit, dass ich sogar Manager werden kann: Einem Dirigenten müssen schließ - 
lich nicht sämtliche Instrumente des Orchesters gehören und den Lohn der Mu- 
siker muss er nicht aus seiner Tasche bezahlen. Solange das Geld fließt, warum 
sollte der Unternehmer nicht jemanden bezahlen, der sich um seine Angelegen- 
heiten kümmert und dabei noch die mediale Wut auf sich nimmt? 


Dass im Bereich der Lohnarbeit die meisten nicht unbedingt einer Arbeit nach- 
gehen können, in der sie einen Sinn sehen, liegt dabei auf der Hand: Wenn in ei - 
nem Bereich ausgebildete Fachkräfte gesucht werden, heißt das nicht, dass es 
dort für die Gesellschaft notwendige Aufgaben gibt, sondern zuerst nur, dass 
durch die Verwendung von menschlicher Arbeitskraft ein Kapital dort wachsen 
kann. Die wenigsten Menschen haben wohl das Gefühl, dass immer mehr und 
aufdringlichere Werbung für unsere Gesellschaft sinnvoll ist und trotzdem ent- 
stehen dort die weitaus besser bezahlten Arbeitsplätze als in der Altenpflege. 
Die Werbung allerdings hilft den Unternehmen ihren Produktionskreislauf am 
Leben zu erhalten. Altenpfleger dagegen halten lediglich Menschen am Leben, 
deren Arbeitskraft nicht mehr verwendet werden kann und die somit aus kapita- 
listischer Perspektive vollkommen überflüssig sind. 


Je verbreiteter dann die dafür notwendige Qualifikation in der zur Verfügung ste- 
henden Bevölkerung ist, desto geringer wird der Arbeitslohn ausfallen. Wenn es 
dagegen wenig Angebot an qualifizierten Arbeitskräften gibt, können diese mehr 
Lohn für ihre Arbeitsstunden verlangen und kürzere Arbeitszeiten durchsetzen. 
Für den Unternehmer bedeutet das höhere Kosten und er wird versuchen in Pro- 
duktionsmittel zu investieren, durch welche er insgesamt Arbeitsplätze einspa- 
ren kann. Da ist dann eine Lohnarbeiterin, die gerade ihr Leben in Form gebracht 
hat. Die weiß, wie sie ihre Miete zahlt und gelernt hat, ihre Freizeit und Arbeits- 
zeit zu organisieren. Die Kollegen hat, die sie nicht unbedingt nach Hause ein- 
lädt, aber gerne auf Arbeit sieht. Die eine Beziehung aufgebaut hat und einen 
Menschen lieben lernt. Sie trifft ihn am gemeinsamen Feierabend und Zukunfts- 
pläne werden angedacht. Dieser Mensch redet zu oft über die eigene Arbeit, 
aber sie kann sich bei ihm fallen lassen. Sie beginnen gemeinsam zu frühstü- 
cken, ihr Freundeskreis wächst zusammen und dann ist da ein Cut. Dann ist da 
das Arbeitsamt und es will wissen, was du besitzt und ob es nicht zu viel ist. Da 
ist eine Androhung, in wenigen Monaten auf Existenzminimum gesetzt zu werden 
und anderswo, da ist dann überhaupt nichts. Da ist ein Minderwertigkeitsgefühl, 
da ist ein Herausgerissen-Werden aus der Lebensstruktur und dem sozialen Um- 
feld und du ziehst dich immer mehr in dich selbst zurück. Da war ein Unterneh- 
men und es hat noch eine Marktlücke gefunden. Da war dein Unternehmen, wel- 
ches deren Entwicklung gekauft hat, die genau deine Arbeit überflüssig macht 
und da sind andere Unternehmen, die sich nicht mehr am Markt halten konnten, 
und wie deren Lohnarbeiter wurdest auch du wieder freigesetzt. Da ist dann der 
Mensch, der dich liebt, und er versucht dir heraus zu helfen und bringt dich wie- 


19 


Neutralität 
des Kapitals 


Vollbeschäftigung 


der unter Menschen, die dich dann fragen, was du so machst und du weißt nicht, 
ob du lügen sollst oder es dem Menschen, den du liebst, antun kannst, zu sagen: 
„Ich bin arbeitslos.“ Und nie wieder willst du diese mitleidigen Blicke sehen und 
dann sitzt du bei einem Vorstellungsgespräch, musst selbstbewusst wirken, ganz 
so als würdest du den Job nur aus Vergnügen machen wollen und nicht, weil du 
dich nicht mehr heraustraust, weil du auf jeden Cent achten musst und du deine 
Wohnung verlieren kannst, weil du gezwungen sein wirst, in eine andere Stadt zu 
ziehen und du den Menschen, den du liebst, und eure gemeinsamen Freunde 
verlieren kannst und wieder ganz von vorne anzufangen musst, nur wieder etwas 
älter dabei. Als wolltest du schon immer einmal „zur Überbrückung“ in der Zelle 
eines Callcenters eingesperrt sein oder bei einer Zeitarbeitsfirma anfangen, die 
für jede deiner Arbeitsstunden einen Teil deines Lohns einstreicht, weil sie 
selbst jemanden wie dich an einen Arbeitgeber vermitteln konnten. Du weißt 
noch, wie der Arbeitsdruck dich fertig gemacht hat, wie du ständig Überstunden 
machen musstest, wie sexistische Vorgesetzte von morgens bis abends über dich 
bestimmt haben und du kaum noch deine Freunde und Familie gesehen hast, 
aber alles ist besser als diese Isolation und dieses betretene Schweigen, wenn 
du davon sprichst. Das Leben in der Lohnabhängigkeit, das Pendeln zwischen Ar- 
beit und Arbeitslosigkeit, zwischen Stress und Leere, ist eine gesellschaftlich 
verschriebene, manisch-depressive Persönlichkeitsstörung. Es ist die Herrschaft 
der Betriebswirtschaft, wenn Menschen Kostenfaktoren sind. 


Die Phrase der Vollbeschäftigung setzt demnach ein starres Wirtschaftssystem 
voraus, bei welchem es keinerlei technischen Fortschritt gibt und Forderungen 
und Bedürfnisse von Lohnabhängigen nicht anerkannt werden. Eine innerhalb 
der Marktwirtschaft nie erreichbare Vollbeschäftigung als politische Forderung, 
kann lediglich als Rechtfertigung dienen, zusätzlichen Druck auf Arbeitslose aus- 
zuüben. „Arbeitslos“ ist dabei selbst schon ein Begriff, der nur in der kapitalisti- 
schen Produktion Sinn macht. Jemand könnte seine kranke Mutter pflegen, dazu 
drei Kinder erziehen, jeden Tag ehrenamtlich im Obdachlosenheim arbeiten und 
würde trotzdem als „arbeitslos“ gelten. Überarbeitung und Arbeitslosigkeit 
schließen sich in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht aus. Was aber das po- 
litische Ziel der Vollbeschäftigung mir unterstellt ist, dass ich als Lohnabhängi- 
ger mein erstes Interesse darin sehe, mich der kapitalistischen Produktion un- 
terzuordnen und führt in seiner Konsequenz dazu, dass Menschen, welche sich 
womöglich weigern oder aus eigenen Gründen dem nicht nachgehen können, 
mit aller dem Staat zur Verfügung stehender Macht zum fremdbestimmten Ar- 
beiten gezwungen werden können. 


Im Gegensatz zu Menschen, kennt der kapitalistische Prozess selbst weder Ge- 
schlechter, noch Kulturen, Religionen oder Nationalität. Das einzige, was es für 
ihn gibt, ist der Mehrwert, welcher durch die Lohnarbeit entsteht. Seit Beginn 
der kapitalistischen Produktion werden immer mehr Lebensbereiche dieser Or- 
ganisationsform untergeordnet und wenn wir an den Unternehmer zurückden- 
ken, welcher Kinder von ihren Eltern zum Sport abholen lässt, dann ist es bis 
heute noch im Prozess. Jede dieser Arbeiten, welche der kapitalistischen Organi- 
sation untergeordnet wird, kostet den einzelnen Personen Geld, spart durch 


20 


Rahmenbedingungen 


Widerspruch der 
Klasseninteressen 


der Lohnarbeit 


seine effizientere Struktur aber den Menschen insgesamt Zeit. Wenn bisher die 
Mutter ihr Kind zum Sport gefahren hat und dort auch warten musste, hätte sie 
jetzt Zeit um selbst noch Geld für die Familie zu verdienen. Mehr Arbeitskräfte 
am Arbeitsmarkt heißt aber auch, dass die Löhne insgesamt gedrückt werden 
und es bald immer notwendiger wird, dass beide Elternteile auch wirklich arbei- 
ten. Ist es dabei in einer Kultur nicht angesehen, dass eine Frau in der Produk- 
tion arbeitet, muss die Tradition für das Überleben in einem fortgeschrittenen 
Kapitalismus aufgeweicht werden. Wenn auch nur für seinen eigenen Zweck, ist 
diese Form der Gleichstellung selbst ein Aspekt der kapitalistischen Entwicklung. 


Verfolgen wir diesen Prozess, wird die Lebenssituation der Lohnabhängigen im- 
mer enger an die Rahmenbedingungen der kapitalistischen Produktion ange- 
passt: Eine Arbeitszeit, die so lange geht, dass ich gerade noch genug Erholung 
habe, um am nächsten Tag wieder voll einsetzbar zu sein. Ein Arbeitslohn, der 
gerade ausreicht, um meine Existenz und die meiner Familie, zu gewährleisten. 
Zusätzlich werden die Mietpreise so hoch gesetzt, dass sich gerade noch jemand 
findet, der sie sich leisten kann, während die Politiker über die „Lebenserhal- 
tungskosten“ der Bürger diskutieren und die Steuern entsprechend anpassen. 
Ein Leben lang muss für das Alter und die Nachkommen geplant werden und 
kein Loch im Lebenslauf darf dieser Planung im Weg stehen. Es ist ein für das 
Sterben organisiertes Leben, in dem wir uns als vereinzelt betrachten und mei- 
nen, die Wirtschaft würde selbstständig existieren und wir müssten unser Leben 
ihr unterordnen. Das Kapital ist aber nicht, wie die Vorstellung von Gott, außer- 
halb von uns. Es ist das Resultat unserer banalen Handlungen von Kauf und Ver- 
kauf und der einhergehenden Vermittlung über das Geld, welches selbst als na- 
türlich und unumgänglich betrachtet wird. „Leben um zu arbeiten“ ist aber kein 
göttliches Dogma, das den Menschen auferlegt wurde. Es gibt einen Ausweg aus 
dieser Form des Wirtschaftens, auch wenn sie heute noch ewig erscheint. 


Kapitel 6: Die Ewigkeit 


Kapitalismus heißt, dass Geld sowohl Mittel, als auch Zweck der Produktion ist. 
Wie die Unternehmer von der ständigen Arbeit abhängig sind, müssen die 
Lohnabhängigen selbst immer arbeiten. Aus ihrer direkten Perspektive heraus, 
ist ihr Interesse dabei nicht eine andere Form der Arbeitsorganisation, welche 
sie aus dem Zustand der Lohnabhängigkeit befreien könnte, sondern ein höhe- 
rer Lohn, weniger Arbeitsstunden und ein gesicherter Renteneintritt. Doch auf 
hundert Arbeitnehmer, die hoffen, ihr Chef würde aus Nächstenliebe die Wo- 
chenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich herabsetzen, kommt immer ein Unter- 
nehmer, der darauf hofft, seine Mitarbeiter würden samstags noch unbezahlt ar- 
beiten gehen. Die Interessen beider Gruppen sind entgegengesetzt. Der Vorteil 
der einen ist immer der Nachteil der anderen. Lehne ich mich als einzelner 
Lohnarbeiter gegen meine Arbeitsbedingungen auf, erreiche ich lediglich meine 
Arbeitslosigkeit. Lehne ich mich aber zusammen mit einer möglichst großen 
Gruppe von Lohnarbeitern auf, ist die Produktion der Unternehmen in Gefahr 
und somit die Existenz der einzelnen Unternehmer und das Geld der Investoren. 


21 


Selbstzweck 


der Arbeit 


Konsequenzen 


Schaffen sie es nicht, durch die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, die Lohn- 
arbeiter wieder zum Arbeiten zu bringen, müssen sie auf deren Bedingungen 
eingehen. Gewerkschaften sind kein altertümliches Relikt und nicht etwa auf die 
Stahlindustrie begrenzt. Innerhalb der kapitalistischen Produktion sind sie ein 
unverzichtbares Werkzeug für Lohnabhängige sämtlicher Branchen. Sei es für 
Pflegekräfte, für Mediengestalter, Ärzte oder Architekten. So viel eine Gewerk- 
schaft aber auch innerhalb der Marktwirtschaft erreichen kann und so wichtig 
diese Arbeit auch ist, bleibt sie immer selbst Teil der kapitalistischen Ordnung, 
welche durch das Gegeneinander von Lohnarbeitern und Unternehmern defi- 
niert ist und der gewerkschaftliche Kampf wird somit nie zu einem Ende finden. 


In einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft dürfen Bedürfnisse nie endgül- 
tig befriedigt werden. Bedürfnisse werden genutzt, um so lange wie nur möglich 
Geld aus ihnen schlagen zu können und damit den Produktionskreislauf am Le- 
ben zu erhalten. Neue Produkte müssen neue Bedürfnisse ansprechen, damit 
der Markt ständig wachsen kann. Der Zweck des Konsums selbst ist das wirt- 
schaftliche Wachstum. Da es der Wirtschaft gut gehen muss und nicht den Men- 
schen, dürfen die hergestellten Waren nicht haltbar sein und müssen immer 
wieder neu gekauft werden. Der Neukauf muss entweder billiger oder weniger 
aufwendig sein als die Reparatur, während etwa Saatgut nicht auf natürliche 
Weise Samen aus sich selbst heraus liefern darf, sondern diese immer wieder 
neu gekauft werden müssen. Geld, das anfangs den Eindruck machte, es wäre 
nur ein Hilfsmittel, um unsere Arbeit vergleichbar zu machen, verkehrt das Prin- 
zip unseres Lebens: Wir arbeiten nicht mehr, damit es uns besser geht. Wir ar- 
beiten der Arbeit wegen und je länger wir arbeiten, desto mehr zentralisiert sich 
die Macht in den Händen von immer weniger Menschen, die nur von der reinen 
Geldvermehrung leben und desto mehr sind wir, die beständig arbeiten müssen 
und desto schwieriger wird für uns ein Leben außerhalb der Lohnarbeit. Und ob- 
wohl unsere Zahl ständig anwächst, bleiben die jeweiligen Arbeitsstunden ähn- 
lich. Und je mehr und je effizienter gearbeitet wird, desto mehr wird produziert 
und desto mehr Rohstoffe verzehrt die Produktion. Indem jeder Unternehmer 
nur für sich selbst sorgen kann und sie immer in Konkurrenz zueinander wirt- 
schaften müssen, wird die Produktion zu einer zerstörerischen Spirale und die 
Lohnarbeit zu ihrem Motor. 


Solange der Markt in der Gesellschaft bestimmend ist und die Produzenten von 
den Produktionsmitteln getrennt sind, so lange wird es Lohnabhängige geben 
und die Lohnabhängigen bleiben in Feindschaft zu sich selbst und ihrer Umwelt. 
Sie erschießen sich in rohstoffreichen Ländern, mit Waffen, die sie gebaut ha- 
ben, um ihre Mieten zu bezahlen. Sie kaufen massenweise billige Artikel in Plas- 
tikverpackungen, die sie selbst herstellen, um eines Tages nicht mehr billige Ar- 
tikel in Plastikverpackungen kaufen zu müssen. In ihrer Arbeitszeit bauen sie 
Überwachungsanlagen, programmieren Auswertungsalgorithmen und werden in 
ihrer privaten Zeit überwacht und ausgewertet. Sie müssen dabei nie gut wer- 
den, sondern besser als die anderen und sind also nie gut genug und müssen 
besser werden, müssen schöner, flexibler, belastbarer, fortgebildeter, rücksichts- 
loser werden, müssen abstumpfen ihren eigenen Bedürfnissen und denen ande- 


22 


Überbau: Gesellschaft 


persönlicher Abhängiskeiten | 


Arbeit und Welt 


rer gegenüber. Sie vergiften dabei das Grundwasser, roden die Wälder, verbiegen 
die Gesetze, verpesten die Luft, durch den Befehl ihrer in Konkurrenz stehenden 
Unternehmen, in ihrer bürgerlichen Freiwilligkeit, um die laufenden Kosten zu 
zahlen, um ein abstraktes Kapital am Leben zu erhalten, um ihr Leben zu recht- 
fertigen. So war es bei der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise, so 
ist es heute und so wird es auch in Zukunft sein, bis die Grenzen der Natur durch 
den grenzenlosen Geldverwertungsprozess durchstoßen sind und menschliches 
Leben auf dem Planten nicht mehr möglich sein wird. Indem wir zum Markt neu- 
tral stehen und das Leben unserer Normalität entsprechend weiterführen, geben 
wir hierfür unsere Stimme ab. 


Kapitel 7: Das Fenster zur Welt 


Der Arbeitsprozess, unabhängig von jeglicher Form der Gesellschaft, ist zweck- 
mäßige Tätigkeit mithilfe eines Arbeitsmittels (Werkzeugs) zur Veränderung ei- 
nes Arbeitsgegenstandes. Das entstehende Produkt ist schließlich ein Ge- 
brauchswert, ein Ding, mit dem sich etwas machen lässt - ein Verbrauchsgegen - 
stand etwa oder ein neues Arbeitsmittel. Innerhalb jeglicher Form von Gesell- 
schaft steht dabei kein Arbeitsprozess nur für sich, sondern ist Teil eines größe - 
ren Ganzen. Wie in einer Gesellschaft produziert und verfügbar gemacht wird, ist 
in den verschiedenen Epochen dabei höchst unterschiedlich. Gleich ist ihnen, 
dass ein einzelner Mensch, der in eine unabhängig von seinem Willen beste- 
hende Gesellschaft hineingeboren wird, sich in die vorhandene Struktur einord- 
net und sie als natürlich wahrnimmt. Er macht darin Erfahrungen, durch welche 
er versucht die Gesellschaft selbst und die Welt als Ganzes zu verstehen. In der 
Welt stattfindende Ereignisse, die außerhalb seiner unmittelbaren Erfahrung lie- 
gen, versucht er sich mit den Erfahrungen zu erklären, die er in seiner bisherigen 
Lebenszeit gemacht hat. 


Die Studien von Richard B. Lee über die Gemeinschaft der Ju/‘'hoansi zeigen, wie 
so ein Weltbild in einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft ohne persönliche Herr- 
schaft aussehen kann: Die Ju/‘hoansi leben in einem Netzwerk aus kleineren 
Verbänden von 6-30 Personen. Gibt es in einem dieser Lager etwa zu viele Kinder 
auf zu wenig erwachsene Versorger, können verwandte Personen aus anderen 
Verbänden mit weniger Kindern dazu angehalten werden, ihr Lager zu wechseln. 
Die Verwandtschaftsbeziehungen sind dabei für ihre gesellschaftliche Organisa- 
tion zentral und verbindet das gesamte Netzwerk. Die Namensgebung etwa ist 
statisch an die Großeltern und deren Geschwistern angepasst, wodurch es weni- 
ger Namen überhaupt gibt und Namensvetter teilen sich die familiären Bezie- 
hungen. Teilen sich daher zwei Menschen denselben Namen, sind sie gleicher- 
maßen Vater/Mutter, Schwester/Bruder, Sohn/Tochter derselben Personen. In 
den einzelnen Verbänden gibt es kein Oberhaupt, sondern immer mehrere Per- 
sonen, Geschwister, welche etwa die Erlaubnis an Außenstehende erteilen kön- 
nen, dort zu leben oder zu jagen. In ihrer Mystik gibt es dann zwar einen großen 
und einen kleineren Gott, aber beide spielen im Alltag weniger eine Rolle als die 
verstorbenen Verwandten. Was hätte das Bild des einen wahren Gottes in einer 


23 


Überbau: Gesellschaft 


persönlicher Abhängiskeiten II 


Trugschlüsse 
im Kapitalismus 


Gesellschaft zu suchen, in der es keine einzelnen Menschen gibt, die über an- 
dere Leben bestimmen? Der Tag besteht aus vielfachen Beziehungen zwischen 
den Verwandten und im Leidensfall sind es dann die verstorbenen Ahnen, 
die //gangwasi, welche zurückkehren, um die Lebenden zu quälen. 


Die Ju/‘'hoansi arbeiten mit einfachen Werkzeugen wie Bögen aus Holz oder Tra- 
getaschen aus Tierhaut. Sie bearbeiten, was sie in der Natur vorfinden und die 
Produkte ihrer Arbeit - Früchte, Fleisch, Tragetaschen - sind gemeinschaftliches 
Eigentum. Ein härteres Klima aber könnte es etwa notwendig machen, die Ab- 
hängigkeit von der unkontrollierbaren Natur zu reduzieren. Gemeinschaften ent- 
wickelten den Ackerbau und Tierzucht und konnten somit oft dauerhaft der 
ständigen Knappheit entkommen, schafften es aber teils nicht, ihren auf Gemei- 
neigentum beruhenden Lebensstil zu bewahren. Da sie durch die neue Produkti- 
onsweise mehr produzierten konnten, als sie selbst zum Leben benötigten, 
konnten sich Personen herausstellen, welche nicht mehr direkt an der Produk- 
tion beteiligt waren, sondern etwa koordinierende Aufgaben übernahmen. Über 
den Lauf von Jahrtausenden mit immer neuen Menschen, welche in die neue Ge- 
sellschaftsform hineingeboren wurden und diese wieder als natürlich wahrnah- 
men, stellten sich Herrschaftsdynastien heraus, ohne deren Befehlsgewalt über 
die Bevölkerung Prachtbauten wie die ägyptischen Pyramiden und indischen 
Tempel nicht möglich gewesen wären. Diese neue Struktur von persönlicher 
Herrschaft, mit seinem dafür notwendigen Gewaltapparat, bringt wieder eine 
neue Form des Denkens mit sich, wie ich glaube, dass die Welt außerhalb meiner 
eigenen Erfahrung funktioniert: Wenn es im Alltag Menschen gibt, denen ich hö- 
rig sein muss und die gesellschaftliche Aufgaben koordinieren, dann ist die Vor- 
stellung für mich schlüssig, dass es auch Götter gibt, die für getrennte Lebens- 
bereiche verantwortlich sind. Wie sich Macht zunehmend in einer Person sam- 
melt und Untergebenheit mit Gewalt eingefordert wird, erscheint mir auch die 
Vorstellung des einen wahren Gottes natürlicher, dessen Ungnade ich durch 
Sünde auf mich lenken kann. Ein einzelner Mensch verhält sich dadurch nicht 
auf eine bestimmte Weise, weil er ein klares Bild davon hat, wie die Welt funkti- 
oniert, sondern macht sich ein Bild von der Welt, auf Grundlage des Rahmens, in 
dem er sich verhalten kann. 


Im Zeitalter der Aufklärung und der industriellen Revolution wurde die persönli- 
che Herrschaft weitgehend überwunden, Geburtsrechte schrittweise abgeschafft, 
die Religion in das Private gedrängt. Der Rahmen aber, in dem ich mich verhal- 
ten kann, wurde unbewusst neu gezogen und wieder entstand eine eher mysti- 
sche Form, in der ich die Welt wahrnehme: Als Lohnabhängiger muss ich für Geld 
arbeiten, das ich für mein (Über-)Leben brauche. Geld ist der rote Faden unserer 
Gesellschaft und gibt ihr die Struktur, indem damit korrekt gehandhabt wird. 
Schulden oder Forderungen wachsen nicht ohne eine korrekte vertragliche Be- 
stimmung und sind immer zu begleichen. Alles ist gegen Geld tauschbar, vom 
einfachsten Nahrungsmittel, zur Villa mit Meerblick, zu der Dienstleistung ande- 
rer Menschen. Das Geld erhalte ich für meine Arbeit und kann dadurch zu Wohl- 
stand kommen. Von mir auf die Gesellschaft übertragen, wird daher auch der ge- 
sellschaftliche Wohlstand anwachsen, wenn nur möglichst viele Menschen ar- 


24 


Pforte zur 


Welt des Kapitals 


Illusion vom 
Wert der Arbeit 


beiten und wer viel Geld hat, muss dafür wohl viel gearbeitet haben. Wenn ich 
dann abends für ein Bier 2,80€ zahle, was etwa zehn Minuten meiner Arbeitszeit 
sind - ein paar Minuten mehr, wenn ich ungelernt bin, ein paar Minuten weniger, 
wenn ich studiert habe -, dann kann ich mir vorstellen, dass die zusammenge- 
rechnete Arbeitszeit von der Bäuerin bis zur Thekenkraft, anteilig für das Glas 
Bier, wohl auch in etwa zehn Minuten war. 


Um das zu überprüfen, macht sich ein Lohnarbeiter bei einem Glas Bier den 
Spaß und sieht sich den Gesamtwert der Produkte an, welches sein Unterneh- 
men in einem Monat verkauft hat. Er zieht die Kosten der Produktionsmittel 
davon ab und sagen wir, es sind 25.000€, die durch den Verkauf monatlich zwi- 
schen den am Unternehmen beteiligten Menschen verteilt wird. Dann rechnet er 
die Lohnzahlung von sich und seinen Kollegen zusammen und sagen wir, er 
kommt dabei auf 13.000€. Die in das Gesamtprodukt investierte Arbeit von ihm 
und seinen Kollegen, so denkt er, muss also 13.000€ wert sein. „Da unsere Arbeit, 
so wie auf den Lohnzetteln steht, gemeinsam 13.000€ ausmacht“, so denkt unser 
Lohnarbeiter und betritt das mystische Reich des Kapitals, „muss der Arbeitsan- 
teil der Unternehmerin und Investoren am verkauften Produkt 12.000€ wert 
sein.“ Und rechtfertigen lässt sich das notfalls mit dem Verweis auf das hohe un- 
ternehmerische Risiko und die einhergehende Verantwortung. 


Aber der Arbeitsprozess ist zweckmäßige Tätigkeit mit Hilfe eines Arbeitsmittels 
an einem Arbeitsgegenstand zur Schaffung von Gebrauchswerten und in der 
kapitalistischen Produktion wird jede einzelne Ware, von der wissenschaftlichen 
Entwicklung, über die erste Bohrung in einer Mine, bis zur Auslieferung durch ein 
Transportunternehmen von Lohnarbeitern hergestellt. Der Lohn stellt nicht den 
Anteil ihrer Arbeit am Produkt dar, sondern lediglich den Wert der Ware Arbeits - 
kraft, die sie selbst am Markt verkauft haben. Der Wert der Ware Arbeitskraft ist 
die Lebenserhaltung des Lohnarbeiters und abhängig von dem, was in der Ge- 
sellschaft als lebensnotwendig erachtet wird. Sie selbst, ihre Körper und Gedan- 
ken, werden Teil des Produktionsprozesses. Ihre Welt erscheint ihnen schlüssig, 
ist aber unvollständig. Da sie meinen, ihr Lohn sei der Wert ihrer Arbeit und 
nicht bloß der ihrer Arbeitskraft, hat alles, was ihnen als rechter Winkel er- 
scheint, in Wirklichkeit weit mehr als neunzig Grad. Der größte Teil der Lohnab- 
hängigen kann den Rahmen der Lohnarbeit, und somit der Fremdbestimmung, 
ein Leben lang nicht verlassen. Wenn auch die Lebensumstände mit einem hö- 
heren Lohn steigen, werden ihnen mit der Dynamik zwischen den Lohnarbeitern 
und Arbeitslosen klare Grenzen gesetzt. Trotzdem übertragen die Lohnabhängi- 
gen dabei ihre Lebensstruktur auf die gesamte Gesellschaft, halten Geld für Leis- 
tung, weil sie selbst etwas dafür geleistet haben, sehen aber nicht unmittelbar, 
dass ihre Arbeiten nicht nur gegeneinander gestellt sind, sondern es auch zwei 
sehr unterschiedliche Weisen gibt, sich auf Geld zu beziehen. Die Geldvermeh- 
rung durch den Ankauf der Ware Arbeitskraft funktioniert nach anderen Regeln 
als die Lohnarbeit selbst und durch den Glauben der Lohnabhängigen, dass 
wenn möglichst viele Menschen arbeiten es der Gesellschaft besser geht und 
gute Arbeit sich lohnen würde, findet sich in ihrer Arbeitskraft eine Quelle des 
stetig wachsenden Reichtums. 


25 


Perspektive 


Akkumulation 


des Profits 


Macht der Lohn dabei im gesellschaftlichen Durchschnitt 60% des Warenwertes 
aus, können sie sich als Lohnabhängige auch nur 60% der produzierten Waren 
insgesamt leisten, obwohl sie sowohl die Waren, wie auch die dazu verwendeten 
Produktionsmittel, zu 100% selbst hergestellt haben. Das heißt, ich bekomme als 
Lohnarbeiter 60% des von mir geschaffenen Produktwertes und wenn ich 
abends essen gehe, bekommen die Angestellten dort 60% des von mir bezahlten 
Geldwertes, genauso wie die Lohnabhängigen in der Nahrungszulieferung 60% 
des Verkaufswertes erhalten und so weiter. Während die Lohnabhängigen das 
Geld schließlich wieder durch ihren Konsum in die Produktion zurückführen, 
wächst das Kapital in jeder neuen Produktionsperiode an - der Mehrwert wird 
nicht voll aufgebraucht, sondern der größte Teil davon wird wieder zum beste- 
henden Kapital hinzugefügt. Das heißt, wenn ein Kapital eine Größe von 
100.000€ hat, bei der Produktion ein Mehrwert von 20.000€ entsteht, wovon ein 
Unternehmer nur 5.000€ konsumiert, dann hat sein Kapital in der nächsten Pro- 
duktionsperiode eine Größe von 115.000€ und während der Lohn stagniert, steigt 
das Kapital in jeder Periode schneller an. Da es die kapitalistische Produktions- 
weise dabei nicht erst seit gestern gibt, sollte es daher auch niemanden wun- 
dern, wenn acht Menschen so viel Geld besitzen, wie die ärmere Hälfte der 
Menschheit - etwa 3,5 Milliarden Personen - zusammengerechnet (Oxfam, 2017). 
Dieses Geld ist wieder die Zugriffsmacht auf die von den Lohnabhängigen erar- 
beiteten Produkte und Produktionsmittel. Was also durch die Vermittlung über 
den Markt passiert, ist eine ständige und immer weiter anwachsende Enteignung 
der Lohnarbeiter von den Produkten ihrer Arbeit. Es ist somit egal, was du ver- 
dienst: Wenn du 40 Stunden arbeitest, oder was auch immer in deinem Land 
normal ist, dann lebst du für den Wohlstand einer anderen gesellschaftlichen 
Gruppe und bist strukturell Nachfolger der Leibeigenen und Sklaven. Aber eines 
unterscheidet eure Situation wesentlich: Als Lohnarbeiter/in hält dich ein gesell- 
schaftlicher Mechanismus gefangen, der zwar nicht aus sich selbst heraus exis- 
tieren kann, aber von allen Gesellschaftsteilnehmern, bewusst oder unbewusst, 
durch ihre Handlungen am Leben erhalten wird. 


Wenn ich heute Aktien im Wert von 10.000€ kaufe und sie in fünf Jahren 20.000€ 
wert sind, wie soll ich erkennen, dass jeder Cent durch die Enteignung eines 
Lohnarbeitenden entstand? Während dem mittelalterlichen Bauern unter Andro- 
hung von Gewalt und der Rechtfertigung durch die Religion ein Teil seines Pro- 
duktes entrissen wurde, verschleiert sich diese tagtägliche Ausbeutung. Die 
Mehrarbeit der Lohnabhängigen wird zu einem Mehrprodukt und dieses zum 
Mehrwert der Unternehmer und Investoren. Unbemerkt durch die Vermittlung 
über den Markt leben Unternehmer und Investoren lediglich von der Arbeit der 
Lohnabhängigen und sind sich selbst dessen nicht einmal bewusst. Es gibt für 
sie keine Ausbeutung durch die Mehrarbeit. Für den Unternehmer gibt es den 
Profit, welcher entsteht, wenn er nur richtig wirtschaftet bzw. wirtschaften lässt. 
Um an diesen Profit zu kommen, geht er mit seiner betriebswirtschaftlichen Ver- 
nunft vor. Steht er vor einer Entscheidung, bei welcher durch die erste Möglich - 
keit seine Produktion um 5% günstiger wird und bei der zweiten nur um 2%, 
dann wird er vernünftigerweise die erste Option nehmen. Ob es dann die An- 
schaffung eines neuen Produktionsmittels ist, eine Standortverlagerung in ein 


26 


der Rahmen 
einer Herrschaft 


Angleichung 
der Profitraten 


Entwicklungsland oder sämtliche Arbeitszeiten seiner Lohnarbeiter damit erhöht 
werden, spielt in dieser rationalen Welt keine Rolle. Gibt es die Möglichkeit ein 
Schwarzkonto auf einem Inselstaat zu eröffnen und somit Millionen an Steuern 
zu entgehen, ist das keine moralische Frage, sondern eine Risikokalkulation. Ver- 
langen Gewerkschaften eine Lohnerhöhung, muss errechnet werden, wie hoch 
diese zusätzlichen Kosten wären, im Gegensatz zur Bestechung des Betriebsrates 
oder der Kündigung von gewerkschaftlich aktiven Mitarbeitern. In einem größe- 
ren Maßstab schließlich ist nicht nur die lobbyistische Beeinflussung, sondern 
die tatsächliche Destabilisierung von Staaten eine Option, wenn die entspre- 
chende Regierung einer Chance auf hohen Profit im Weg steht. 


Und hier, in dieser Sphäre, mag es auch die Clans und Geheimbünde, Korruption 
und Erpressung, den Aufkauf von Medien und die gezielte Aushöhlung demokra- 
tischer Institutionen geben. Und all das mag die kapitalistische Entwicklung vor- 
antreiben und stabilisieren. Und all das mag das Leben der Lohnabhängigen 
noch instabiler machen, als es sowieso schon ist und ihre politische Machtlosig- 
keit festigen. Aber trotzdem sind das nicht die Ursachen der Probleme, denen 
wir heute gegenüberstehen, sondern nur einzelne Momente, welche selbst an 
die innere Logik unserer Gesellschaftsform gebunden sind. Und hinter all dem, 
was einzelne Personen tun und verheerende Auswirkungen auf unser Leben hat, 
muss noch nicht einmal Bösartigkeit oder gar Menschenverachtung stecken. Es 
ist eine Fixierung auf die Geldvermehrung und damit eine Vernunft im Rahmen 
der bürgerlichen Ordnung. Was ist es also, was Unternehmer und Investoren ma- 
chen, wenn sie nicht in dem über-historischen Sinn arbeiten? Durch ihr Streben 
nach Profit organisieren sie die Gesellschaft nach den Regeln des Kapitals, nach 
der Logik des Tausches. Und diese Organisationsform beherrscht weite Teile un- 
ser aller Leben und diese Herrschaft - bzw. jede Form von Herrschaft - wird be- 
stehen, solange keine fortgeschrittene Organisationsform konstruiert und einge- 
setzt wurde. Eine Organisationsform, welche uns ermöglicht, ohne Umweg über 
das Geld, selbstbestimmt für den gesellschaftlichen Wohlstand tätig zu sein. 


Kurz noch: Wenn Unternehmer bzw. Investoren auch in Konkurrenz zueinander 
stehen, folgen ihre Handlungen gemeinsam den Gesetzen des Marktes. Diese 
Zwänge bedeuten für sie, dass sie ihr Geld dort investieren müssen, wo es sich 
am besten vermehren lässt. Verspricht daher etwa ein neu entwickeltes Produkt 
das Bedürfnis von Konsumenten anzusprechen und sich gut zu verkaufen, dann 
investiert eine große Anzahl Unternehmer bzw. Investoren Geld in die jeweilige 
Branche. Durch das Geld können neue Arbeitsplätze in neuen Unternehmen und 
Abteilungen entstehen, die Effizienz in den Unternehmen dieser Branchen kann 
daher deutlich zunehmen und damit ebenso die Warenmenge in diesem Bereich. 
Durch die Flut an Angebot verschiedener Hersteller sinkt jetzt innerhalb der 
Branche der Verkaufspreis und die Gewinnchancen werden geglättet. Obwohl die 
Effizienz innerhalb der Unternehmen und damit der Mehrwert ansteigt, sinkt der 
Profit. Die Kapitalbesitzer ziehen ihr Geld zu großen Teilen wieder ab und inves- 
tieren es an anderer Stelle, während Beschäftige wieder ihre Arbeit verlieren 
und sich in der Branche einzelne Marktführer mit entsprechend effizienter Un- 
ternehmensstruktur herausstellen. 


27 


Profitraten und 


„Nationalsozialismus 


die Arbeitskraft 


und Antisemitismus“ 


Die Strukturen, in denen wir leben, denken und arbeiten, werden durch diesen 
Prozess geschaffen und gerade deswegen bekommen wir wenig davon mit. Wir 
sehen wie selbstverständlich, dass immer neue Produkte auf den Markt kommen 
und bald darauf sehr viel billiger sind. Wir glauben immer wieder, durch techni- 
sche Entwicklung würde es in Zukunft weniger Arbeit zu tun geben und es stellt 
sich jedes Mal als falsch heraus. Wir sehen Standortschließlungen, die ständige 
Suche nach Facharbeitern und das Anwachsen von Jobs im Mindestlohnbereich. 
Wir finden es nicht immer richtig, aber sehen eine Vernunft in politischen Ent- 
scheidungen, wenn etwa das Renteneintrittsalter erhöht oder Arbeitslosigkeit 
stärker bestraft wird. Wir sehen, wie einzelne Großkonzerne immer mehr Einfluss 
gewinnen, nicht obwohl, sondern weil sie gegen Gewerkschaften vorgehen, weil 
sie die Armut in Entwicklungsländern ausnutzen, weil die jeweiligen Tätigkeiten 
immer monotoner werden, weil die Löhne in der Produktion niedriger, weil die 
Arbeitszeiten länger werden. Der ständige Zwang nach Kapitalvermehrung ist der 
Grund, warum wir immer 30, 40, 50 Stunden oder sogar noch länger arbeiten 
müssen und diese Arbeitszeiten trotz sämtlichen technischen Fortschritts nie- 
mals wesentlich weniger werden. Weil unsere laufenden Kosten niemals aufhö- 
ren, können wir unsere eine Ware, unsere Arbeitskraft, nicht monatelang in ei- 
nem Lager liegen lassen, bis sie zu guten Konditionen verkauft werden kann. 
Wenn wir nicht aus unseren Wohnungen gejagt oder wegen Diebstahls einge- 
sperrt werden wollen, dann sind wir gezwungen unsere Arbeitskraft selbst zu 
den schlechtesten Bedingungen zu verkaufen. Sämtliche wirtschaftliche Struktu- 
ren in der Gesellschaft entstehen nur, damit wir uns immer wieder neu darin 
einordnen können, nur, damit aus unserer Lohnarbeit ein Mehrwert, ein Profit, 
herausgeholt werden kann. Unbewusst haben wir uns selbst diese Strukturen 
geschaffen, in denen wir mit unseren Existenzängsten und der sozialen Isolation 
kämpfen, in denen wir unsere Beziehungsstreitigkeiten über zu wenig Geld oder 
zu viel Arbeit führen, in denen wir immer rastlos bleiben müssen, bis wir uns ir- 
gendwann einfach mit unserem Schicksal abfinden oder die Wut darüber über- 
hand nimmt und diese sich, so lange es keine konkrete Möglichkeit für eine Auf- 
hebung des Systems gibt, an den falschen Stellen entlädt. 


Die Strukturen wurden durch das abstrakte System der Geldvermehrung ge- 
schaffen und trotzdem halten wir unsere Tätigkeiten in den Betrieben, Agentu- 
ren und Konzernen für gesellschaftlich notwendig und natürlich. Eine Krise, eine 
Standortschließung oder ein Krieg erscheint dabei als etwas Äußeres, das mit 
der Arbeit nichts zu tun hat. Auch Streiks durch Gewerkschaften oder etwa Poli- 
tik gegen das Wirtschaftsinteresse scheinen gegen die eigene Bevölkerung ge- 
richtet, wenn eine Produktionsstätte als etwas verstanden wird, in dem Unter- 
nehmer und Lohnarbeiter gemeinsam für das gesellschaftliche Gemeinwohl ar- 
beiten. Besonders in den Anfangsjahren der kapitalistischen Produktion schien 
dabei die Industrie selbstverständlicher Nachfolger des Handwerks zu sein und 
dem Finanzkapital feindlich gegenüberzustehen. Im kapitalistischen Alltag ist 
dabei das abstrakte System nicht ersichtlich, in dem sich die eigene Arbeit gegen 
die Produzierenden richtet. Was aber zu einem bestimmten Moment besondere 
Beachtung fand, war ein in Europa lebendes Volk, das länger schon mit Geld ver- 
knüpft war und in keiner Nation als wirklich zugehörig galt. Sie erschienen als 


28 


Menschenbild 
der Marktgesellschaft 


wurzellos und doch international vernetzt. Es waren die abstrakten Eigenschaf- 
ten der aufkommenden, grenzüberschreitenden kapitalistischen Produktion, die 
ihnen zugeschrieben werden konnten. Und während durch die Grenzüberschrei- 
tung auch die Religion eine immer weniger tragende Rolle spielte und Mitglieder 
dieser Gruppe plötzlich hohe Positionen inne hatten, organisierten sich gleich- 
zeitig - zur Zeit der bis dahin größten kapitalistischen Krise - Arbeiterbewegun - 
gen gegen die angebliche Volksindustrie. Und Zusammenhänge konnten klar er- 
kannt werden, die für jeden denkenden Menschen offensichtlich sein mussten - 
wenn sie real auch nicht vorhanden waren-, dass die Ursache allen Übels in die- 
ser Volksgruppe liegen muss. Und in Unwissenheit über die Dynamik der kapita- 
listischen Produktionsweise bekam das Abstrakte ein Gesicht und was ein Ge- 
sicht hat, kann bekämpft werden. Es wurde ein „wir“ gegen „sie“, ein Kampf der 
arischen Rasse gegen das international vernetzte Weltjudentum mit dem Kom- 
munismus als seine Waffe. Zu viele, die unter den Auswirkungen des Kapitals lei- 
den mussten, glaubten an das Bild des vereinten Volkes und der jüdisch-bol- 
schewistischen Weltverschwörung und zu viele glauben das heute noch. Im 
Zweiten Weltkrieg starben 55 Millionen Menschen unter elendigen Umständen, 
400.000 Menschen wurden im Einfluss der deutschen Rassenlehre gewaltsam ih- 
rer Fruchtbarkeit beraubt und trotzdem wurden noch bis zur letzten Stunde 
deutsche Schienentransporte nicht für militärischen Nachschub verwendet, son- 
dern um Juden in Vernichtungslager zu deportieren. Es war der wahnhafte 
Glaube, die nicht-greifbaren Widersprüche, welche eine kapitalistische Produk- 
tion mit sich bringt, würden mit ihnen verschwinden. 


Kapitel 8: Ein neuer Ausblick 


„An sich erleichtert sie die Arbeit, kapitalistisch angewandt steigert sie ihre In- 
tensität. An sich ist die Maschinerie ein Sieg des Menschen über die Natur- 
kraft, kapitalistisch angewandt unterjocht sie den Menschen unter die Natur- 
kraft. An sich vermehrt sie den Reichtum des Produzenten, kapitalistisch ange- 
wandt verarmt sie ihn. Aber: Ist eine andere als kapitalistische Ausnutzung der 
Maschinerie unmöglich?“ Karl Marx, Das Kapital I 


Dass die Dinge für uns einen Doppelcharakter haben, neben dem Gebrauchswert 
noch einen Wert, ist keine studentische Gedankenspielerei. Die Auswirkungen 
davon formen unsere Realität, zeigen sich in unseren Handlungen und allein 
schon in unserem Bild, das wir von uns selbst und anderen Menschen haben. In 
einem fortgeschrittenen Kapitalismus haben wir uns in weiten Teilen von den 
persönlichen Abhängigkeiten gelöst und werden dafür von den Waren und ihrer 
Tauschlogik beherrscht, welche das Resultat unserer eigenen, am Markt gehan- 
delten Arbeitszeit ist. Am Markt gibt es kein Wachstum, das nicht andere gleich- 
zeitig einschränkt oder ausschließt. Das Geld zwingt uns, in Konkurrenz zueinan- 
der zu treten und sowohl zueinander, als auch gegen uns selbst, bekommen wir 
das Bild eines habgierigen und egoistischen Wesens. Aber als Unternehmer 
kürze ich nicht aus Vergnügen Löhne. Als Arbeitsloser nehme ich nicht gern un- 
tertarifliche Arbeitsbedingungen an, die meine Kollegen in Bedrängnis bringen. 
Als Arbeitnehmer bin ich nicht dankbar, wenn einer Kollegin statt mir gekündigt 


29 


Verschleierung der 
Klassenwidersprüche 


Der doppelte Fortschritt 


wird, weil ich ihr etwas Schlechtes wünsche, sondern weil ich eben selbst ab- 
hängig von dem Lohn bin. Die laufenden Kosten hören niemals auf und daher 
muss ich immer zuerst an mich denken. Spätestens, sobald ich eine Familie 
plane. Die Konkurrenz durch die kapitalistische Produktion dringt in sämtliche 
Bereiche unserer Gesellschaft und die Frage ist nur, wann wir endlich bereit sind 
und die Mittel haben, um die Konkurrenz selbst zu verdrängen. Fest steht nur, 
dass es definitiv möglich ist. Wäre der Mensch und seine Handlungen etwas Be- 
ständiges, wäre die Gesellschaft so, weil „wir Menschen eben so sind“, dann wür- 
den wir heute noch unsere Lebensmittel untereinander aufteilen, wie es bei Jä- 
ger-und-Sammler-Gemeinschaften über tausende von Jahren der Fall war. 


Heute sind Unternehmer und Investoren in ihrer Jagd nach Geld gezwungen, im- 
mer weiter produzieren zu lassen, in immer neue Bereiche vorzudringen und 
auch immer neue Bedürfnisse anzusprechen. Die kapitalistische Gesellschaft 
überschreitet dabei die Grenzen der Dorfgemeinden, die Grenzen der Länder, die 
Grenzen der Kulturen und Traditionen und vereint sie durch einen gemeinsamen 
Bezugspunkt, dem Geld. Es ist dabei historisch einzigartig, wie die Welt immer 
vernetzter wird, immer kooperativer arbeitet und wir als einzelne Menschen 
doch völlig unabhängig voneinander zu sein scheinen. Ich werde den Zimmer- 
mann niemals kennenlernen, der einst den Boden meiner Mietwohnung einge- 
setzt hat. Ich werde niemals herausfinden, wer meine Schreibtischlampe zusam - 
mengeschraubt oder meinen morgendlichen Kaffee angebaut hat. Ich kenne 
diese Leute nicht und ihre Arbeit verschwindet im Produkt. Die Plantagenarbei - 
terin in Südamerika hat aber nicht dafür gearbeitet, dass ich einen Kaffee trin- 
ken kann, sondern damit sie einen Lohn erhält, von dem sie nach Möglichkeit le- 
ben kann. Trotzdem trinke ich den Kaffee, der durch ihre Arbeit entstand und 
bezahle ihn durch Lohn, den ich für meine Mitarbeit in einer deutschen Ferti- 
gung erhalten habe, deren Produkte schließlich nach China geliefert werden. Un- 
sere jeweiligen Arbeiten werden dabei immer spezieller, immer monotoner und 
weltweit gleichförmiger. Indem immer neue Bedürfnisse angesprochen werden, 
entfalten diese Bedürfnisse sich erst und entheben sich aus der bloßen Notwen- 
digkeit. Weil aber immer dafür gezahlt werden muss, schreitet nicht nur die ka- 
pitalistische Produktion, sondern mit ihr immer die Klassenspaltung voran. Und 
mit dem einhergehenden Herrschaftsverhältnis auch die Überwachung, die Aus- 
wertung und die weitere Einordnung der Lohnabhängigen als diejenigen, die al- 
les und immer mehr herstellen, aber denen nur so viel davon zugesprochen 
wird, wie sie zu ihrer Lebenserhaltung im Rahmen des gesellschaftlichen Ent- 
wicklungsstandes benötigen. 


In den kapitalistisch weniger entwickelten Ländern ist die Trennung noch genau 
zu sehen zwischen denen die organisieren lassen und denen, die produzieren. 
Eine Kluft ist da, die in den kapitalistisch fortgeschrittenen Ländern zwar eben- 
falls existiert, aber nicht mehr direkt sichtbar ist. Der direkten Unterdrückung 
weicht eine versachlichte, eine über die Geldvermittlung zunehmend unsicht- 
bare Unterdrückung, die keine zu sein scheint. Die Illusion einer gerechten Leis- 
tungsgesellschaft, die Normalität einer festgesetzten Arbeitswoche, wird so voll- 
ständig, dass es fast erscheint, als gäbe es politisch nur noch ein paar wenige 
Details abzuklären und wir hätten die gerechte demokratische Gemeinschaft, die 
wir uns immer gewünscht haben. Und was haben wir in unseren Agenturen und 
Konzernen auch mit denen zu schaffen, die am anderen Ende der Welt in Textil- 


30 


Vom Ende des 


Kapitalismus - Teil 1 


der historische Prozess 


Grenzen 


fabriken gefangen sind und 24 Stunden durchgängig arbeiten müssen? Was, au- 
ßer im selben Arbeitszusammenhang zu stecken und womöglich durch das selbe 
Kapital den Lohn zu erhalten? 


In der Natur gibt es keine Vorhersehung. Der Mensch hat zehntausende Jahre 
lang in kleinen, übersichtlichen Gruppen gelebt, bis der einzelne Produzent 
durch Ackerbau und immer wieder neue Technik mehr produzieren konnte, als er 
selbst zum Leben brauchte und somit einzelne Menschen von deren Arbeit leben 
konnten. Jeder Fortschritt in den Produktionsmitteln sollte das Leben erleich- 
tern, aber mit diesem Fortschritt veränderte sich auch die soziale Organisation. 
Eine Gesellschaft aus rechtlich gleichgestellten Menschen ist dabei ein ungeheu- 
rer Fortschritt, für den die Menschheit tausende Jahre der persönlichen Herr- 
schaft gebraucht hat; so wie durch den evolutionären Prozess in der Natur Milli- 
onen von Jahren vergehen mussten, bis Lebewesen daraus hervorgegangen sind, 
die sich bewusst organisieren können. Durch den Fortschritt der Produktionsmit- 
tel ist es uns, einer Spezies, die nur in kleinen Gruppen die Übersicht behalten 
kann, gelungen, eine mehrere Milliarden umfassende Gesellschaft herzustellen. 
Aber durch unsere Beschränktheit und die unbewusste Form, in der sich diese 
Gesellschaft herausgebildet hat, ist ein Keil zwischen jeden einzelnen Menschen 
geschlagen worden. Eine Feindseligkeit zwischen denen, die ohneeinander nicht 
überleben können. Zwischenmenschliche Konkurrenz und staatliche Gewalt er- 
scheinen heute als so natürlich, wie etwa die Grenzen zwischen Ländern, die in 
der Natur selbst nicht existieren. 


Wie die Nation selbst, ist auch eine Grenze nur ein Gedanke, nichts Wirkliches, 
etwas Abstraktes. Etwas, dass man nicht sehen kann und wenn man auch nur 
eine Armlänge davor steht. Dass einem nur ein Schild sagen kann, „Das hier ist 
eine Grenze“, weil man es sonst nie erkennen könnte. Und so etwas aussprechen 
und es ernst meinen, weil es ernst ist, weil es sich mit dem Wert genauso ver- 
hält, weil nicht „alles seinen Wert hat“, sondern das lediglich unsere Gesell- 
schaft, unsere Ideologie ist, und wir den Wert wahrnehmen, wie andere ihre Göt- 
ter. Um uns herum sind Dinge, einfache Dinge ohne jegliche Form von abstrakten 
Eigenschaften, die uns aber beherrschen, weil wir uns auf sie als Waren bezie- 
hen, weil wir beim Kauf all der Dinge auf den Preis geschaut haben, weil für ge- 
nau diesen Moment die Unternehmer immer billiger produzieren lassen müssen, 
weil Lohnarbeiter eine Variable in dem Prozess sind, weil es billiger wird, wenn 
ihre Löhne niedrig, ihre Arbeitszeiten lang, ihre Tätigkeiten monoton sind. Weil 
das wir sind, als diese Variable, als der Wert unserer Arbeitskraft und weil kein 
böser Wille uns in diese Situation gedrängt hat, sondern die Logik eines Sys- 
tems, die Logik des Tausches, und deshalb geht es uns heute genau darum: Die- 
sen Keil, diese Grenzen und diese Herrschaft aus unserer Gesellschaft und unse- 
ren Köpfen zu bekommen. Eine Form zu finden, wie wir die Erde nach unseren 
Bedürfnissen gestalten können, damit die Arbeit der einzelnen immer auch zum 
Wohl der Gemeinschaft ist, zu der sie selbst auch gehören. 


Durch das Internet als globales Kommunikationsmittel ist es erstmals möglich 
geworden, eine solche Gesellschaft aufzubauen. Die kapitalistische Produktions- 
weise hat die Mittel zu ihrer eigenen Aufhebung hervorgebracht und diese müs- 
sen jetzt nur noch richtig angewendet werden, um eine Organisationsform zu 
konstruieren, in der die Herstellung und Verteilung durchsichtig und verständ- 


31 


lich ist, damit jeder Gesellschaftsteilnehmer sich Arbeiten annehmen kann, in 
denen er einen Sinn für sich sieht und woran er wachsen kann. Erst eine kon- 
struierte Organisationsform kann den Zwang zur Konkurrenz, wie der Markt ihn 
vorgibt, infrage stellen und damit seine Widersprüche aufzeigen. Wenn es ein 
gemeinsames Arbeiten und einen gemeinsamen Wohlstand gibt, warum sind wir 
dann gezwungen Müll zu produzieren, der nur Verschleißteile in sich trägt, damit 
wir ihn ständig wieder neu kaufen müssen? Warum arbeiten wir dafür, dass es 
einer abstrakten Wirtschaft gut geht, wenn wir auch direkt für das Wohlergehen 
der einzelnen Gesellschaftsmitglieder arbeiten könnten? Warum beleidigen wir 
uns selbst als habgierige und triebgesteuerte Primaten, wenn wir so viel als 
Menschen hervorgebracht haben? Warum exportieren wir Waffen, die gebaut 
wurden, um unsresgleichen zu töten, nur um Arbeitsplätze zu erhalten oder et- 
was Abstraktes wie Staatsschulden abzubauen? Mit einer fortgeschrittenen Orga- 
nisationsform, die in dieser Form bisher schlicht nicht möglich war, soll der 
Wahnsinn aus unserer Gesellschaft gebracht werden. Die Konstruktion und die 
Etablierung dieser Form ist dabei nicht das Schicksal der Menschheit und auch 
kein automatischer Prozess, der im Laufe der kapitalistischen Produktion kom- 
men wird. Es ist eine Möglichkeit, die wir ergreifen können. 


Und eine konkrete Möglichkeit, wie wir das erreichen können, ist Thema der 
zweiten Broschüre. 


32 


Das Projekt lebt davon, dass die Broschüre selbstständig ver- 
vielfältigt und im öffentlichen Raum ausgelegt wird. Unter die- 
sem Link bzw. QR-Code findest du Druckvorlagen: 


https: //archive.org/details/daskapitalunddiecommons 





Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative 


Commons Namensnennung - Teilen unter 
gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. 


(CC BY 3.0). 


Covergrafiken: Vecteezy.com 


Von jemanden hier abgelegt, damit du sie findest und einsteckst. 
Weil es nicht selbstverständlich ist 30, 40, 50 Stunden jede 
Woche arbeiten zu müssen. Weil es nicht normal ist, kein Ende 
der Arbeit sehen zu können. Weil es ein mögliches Ende dieser 
Form der Arbeit gibt, welcher sich bis zur Rente untergeordnet 
werden muss. Weil das Ende davon aber nicht alleine erreicht 
werden kann, hat jemand diesen Text hier abgelegt, damit du ihn 
findest und einsteckst.